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.Montag 14.12.2009 07:18 PM

Siehst du, dachte ich, sie hatten gesprochen. Du bist nicht die große Liebe meines Lebens, du bist nur eine Erfahrung, ein Experiment, hörst du? Eine Lernkurve für mich, mehr nicht. Verschwinde aus meinem Kopf, du Mistkerl. Verschwinde aus meiner Seele. Lass mich in Ruhe.
Aber er ließ mich nicht in Ruhe. Er kam immer und immer wieder. Besonders wenn ich im Dunkeln lag und schlafen wollte. Ich erinnerte mich an den Geruch seines Haares, daran, wie sich seine Haut anfühlte. Ich lag da und stellte mir in endlosen Variationen vor, warum er gegangen war. Ich wusste - ja, ich wusste, dass es zum Teil an dem lag, was zwischen uns entstanden war. Ich wusste, dass er Angst davor gehabt hatte. Wir hatten so viele hitzige Auseinandersetzungen durchgestanden, und das ist nicht möglich, ohne dass sich dabei eine starke Bindung entwickelt. Wir waren so offen zueinander gewesen. Wie sich dadurch alles verwandelt hatte, all die Zeit, die wir miteinander verbracht hatten - es war wie eine Art Geheimnis, wie wunderbare Musik.
Und dann sank ich endlich in Schlaf. Aber das half auch nichts, denn dann kamen die Träume. O Gott, die Träume. Wir liefen hintereinander her, umeinander herum, dicht aneinander vorbei, auf einer Party, im Wald oder sonst wo. Ich sah sein Gesicht so deutlich und ich wollte ihn anfassen, nur anfassen, fest halten. Es machte mich wütend, dass ich ihn einfach nicht los wurde. Allmählich dachte ich, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich meine, wie lange braucht man, um so etwas zu bewältigen? Sechs Monate sollten genug sein. Ich tat, was man von mir erwartete. Es schien mir so ungerecht. Ich gab mir die größte Mühe, ganz bestimmt, aber es klappte einfach nicht. Dazu kam, dass ich nicht einmal mit jemandem darüber reden könnte, jetzt nicht mehr. Ich hatte die mir zustehende Trauerzeit gehabt. Wenn ich jetzt auf einmal versucht hätte, allen zu erklären: He, in Wirklichkeit bin ich noch gar nicht drüber weg und richtig lebendig bin ich überhaupt nur, wenn ich in der Erinnerung alles noch mal durchlebe - kein Mensch hätte das mehr hören wollen. Es wäre ihnen unheimlich gewesen. So lange darf man sich einem Gefühl nicht hingeben, so sehr darf man sich nicht davon verzehren lassen.
Ich sehe es so: Einer alten Frau stirbt der Ehemann. Am Anfang sind alle sehr mitfühlend, sehr hilfsbereit, halten Taschentücher bereit, legen ihr schon mal den Arm um die Schultern. Aber allmählich nimmt das Verständnis ab und ihre Freunde erwarten von ihr, dass sie sich ein bisschen mehr am Riemen reißt. Und das muss man wirklich tun, sonst übertritt man sozusagen den schmalen Grat zwischen normalen und anormalen verhalten. Auf der einen Seite des Grats trauert man auf herkömmliche Art, auf der anderen Seite verrennt man sich in sein Unglück und wird total bekloppt. Man stellt sein Foto aufs Regal, staubt es immer ordentlich ab, stellt vielleicht sogar eine Vase mit Blumen dazu - schön. Das ist Erinnerung, so hält man sein Andenken lebendig. Aber dann fängt man an in der Küche mit ihm zu reden und seine Lieblingskuchen zu backen, man legt seinen Schlafanzug heraus und stellt einen Becher Kakao neben seinen leeren Sessel - und schon ist man bekloppt. Zeit, dass einem jemand hilft. Ich war das jugendliche Gegenstück zu dieser alten Witwe. Ich hatte den schmalen Grat übertreten. Ich war längst bei den Bekloppten, machte Kakao, redete mit der Leere. Noch immer war er wirklicher für mich - sehr viel wirklicher - als alles, was ich im richtigen Leben tatsächlich erlebte. Wie soll man in die Zukunft schauen, wenn man weiter nichts will, als in die Vergangenheit zurückzukehren? Manchmal hatte ich das Gefühl, das der Schmerz in diesen sechs Monaten kein bisschen nachgelassen hatte, das er eher noch schlimmer geworden war. Er hatte sich in meinem Bauch zu einem kleinen Knoten aus Verzweiflung verdichtet, der sich wahrscheinlich nie mehr auflösen würde. Aber ich hatte die Heldenrolle ''Meinen-eigenen-Weg-gehen'' schon so gut und so lange gespielt, dass ich unmöglich jemandem erzählen konnte, wie es hinter der Maske aussah. Denn dann hätten sie gewusst, wie sie sich verstellt hatte, die, die sie jeden Tag sahen, die so gut mit allem klargekommen war. Und ich hatte Angst davor zuzugeben, dass ich mich verstellte. Ich hatte Angst davor was dann passieren würde.
Ich brauche Hilfe, aber niemand konnte es wissen, weil ich so reibungslos funktionierte.

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