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Zweite Halbzeit: Die Nation


So weit, so gut. Oder schlecht. Immerhin: Bis hierhin bist du bereits gekommen.
Es bleibt die Frage, was mit diesem Text gesagt werden soll. Was das mit dir zu tun hat.
Und wo die Verbindung von Staat, Kapital und Nation sein soll, die in dieser Zeitung vielleicht schon mal erwähnt wurde.

German Zustände
Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, was Deutsch ist? Was typisch deutsche Werte und Eigenschaften sind? Und wie sie entstanden sind?
Jetzt denkst du vielleicht an Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin. Oder auch nicht. Vielleicht verbindest du mit Deutsch prinzipiell etwas Schönes. Schließlich steht es doch für deine Herkunft und dein Leben, so wie es bis jetzt seinen Weg gegangen ist. Deutsch sind gutes Brot, Mülltrennung und die mehr oder weniger sicheren Verhältnisse, in denen wir leben.
Vielleicht verbindest du mit Deutsch auch eher die vielen negativen Erfahrungen und Erlebnisse, die du mit Deutschland bisher gemacht hast. Ausgrenzung, Diskriminierung und – nennen wir sie mal so – stereotype Denkweisen. Kein Pass. Kein Geld. Keine Arbeit. Scheißdeutsche, die dich so behandeln, als wärst du weniger wert und würdest nicht dazu gehören.
Vielleicht denkst du auch einfach an Oma und Opa, ihr Weltbild und daran, dass du Deutsch schon mit der Muttermilch aufgesogen hast. Daran, dass Deutsch etwas Unveränderliches ist, was dich schon immer begleitet hat und was dich immer begleiten wird. Etwas, was lange vor dir da war und allem Hoffen zum Trotz auch noch lange nach dir da sein wird.
Aber was ist dieses „Deutsch“?
Wieso verbinden wir alle, wenn wir an bestimmte Nationen denken, mit ihnen bestimmte Eigenschaften und Gefühle? Wieso begreifen wir die Menschen eines bestimmten Staatsgebietes als einheitliche Gemeinschaft? Wieso denke ich bei „Wir“ eher an Deutschland als an meine Freundinnen und Freunde, meine Verwandten oder an die Gemeinschaft der Brillenträger_innen?
Wieso in aller Welt hat die Nation so eine Wirkmächtigkeit?

Digging deep and getting dirty
Vielleicht hast du es beim Lesen schon so ein bisschen bemerkt, wir lehnen die Nation ab.
Für die Autor_innen dieses Geschreibsels steht sie exempla-risch für die Scheisse der Welt. Sie repräsentiert Ungleichheit, Unfreiheit, Destruktion und Verblendung.
Sie betont Gemeinsamkeit, wo Unterschiede existieren, und sie beharrt auf Unterschieden, wo eigentlich Gemeinsamkeiten gegeben sind.
Wir begreifen die Nation als ideologische Konstruktion.
Das heisst: In der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir leben, in der nichts sicher ist, in der Krisen im System inbegriffen sind, in der jede_r einzelne tagtäglich den Kampf ums Dasein neu ausfechten muss, in der die Gesetze des Staates und des Marktes einen immerwährenden Angriff auf das eigene Leben bedeuten, ist die Nation eine willkommene Identifikationsfigur, eine Institution der Sinnstiftung und Heilsversprechen.
In jeder Gesellschaft gibt es eine materielle Grundlage: Ihre Produktionsweise und die Art ihrer politischen Organisierung. In diesem Fall ist es der bürgerliche Staat, dem die politische Verwaltung innewohnt, und die Gesetze der Konkurrenz in der Marktwirtschaft, denen jede_r einzelne unterworfen ist. Das hat zur Folge, dass bei vielen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit entsteht. Fragen nach dem Sinn des Ganzen, nach der Zukunft und nach Sicherheit und ein Gefühl der Abneigung gegenüber allen Faktoren, die das eigene Selbst und seine Existenzgrundlage bedrohen, sind in einer kapitalistischen Gesellschaft allgegenwärtig. Die Vereinzelung und Bedrohung der Subjekte lässt sie verzweifelt nach Erklärungsmustern suchen und in Scharen in Kirchen rennen und die Nation als die entscheidende Kategorie ihres Daseins begreifen.

„Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Versager…“
Die verzweifelte ökonomische Situation, in der die meisten aufgrund der Verfassung unserer Gesellschaft stecken, lässt in den Menschen mitunter trotz Widerwillen oder besserem Wissen die Einsicht keimen, dass der Erfolg ihres Arbeitgebers maßgebend für ihre eigene Situation – das Einkommen, die Sicherheit des Arbeitsplatzes – ist. Dieses ewige furchtbar nervige „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“ ist aber keine dumme Phrase oder blödes Geschwätz, sondern reales Abbild der ungeschriebenen Gesetze, nach denen wir leben. Nur wenn man sich für seinen Betrieb zurückstellt und aufopfert, ist das eigene Leben unter halbwegs sicheren, aber anspruchslosen Verhältnissen garantiert. Es gilt die Einsicht, dass die Hingabe zu seinem Arbeitgeber und die unbedingte Identifikation mit ihm von jedem Einzelnen gefordert sind, um den Erhalt des Betriebs in der Konkurrenz zu sichern.
Der zweite Schritt dieser Logik ist ein einfacher: Nur wenn der Standort des Unternehmens – also das Land, in dem es produziert – auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist und bleibt, wirkt sich diese ganze Hingabe positiv auf die eigene Situation aus. Alle Mühe, die man in seine Arbeit steckt, verpufft, wenn sich die_der Arbeitgeber_in mit ihren_seinen Produkten auf dem Weltmarkt nicht durchzusetzen vermag.
Und wenn das Land, in dem man arbeitet, als Wirtschaftsstandort auf dem Weltmarkt schlecht aufgestellt ist, ist alle Mühe für die Katz, denn dann wird in das Land nicht oder nur gering investiert, und dann gehen die Arbeitsplätze halt flöten.
Neben der Identifizierung mit dem eigenen Unternehmen ist also von den Subjekten die Unterstützung des eigenen Staates und der Nation gefordert, um als Individuum und als Gemeinschaft durchsetzungsfähig zu bleiben.
Es ist allerdings ja nicht so, dass der bürgerliche Nationalismus etwas ist, was rein „von oben“ auferlegt wurde, sondern etwas Dynamisches, was von jeder_m Einzelnen immer wieder produziert und reproduziert wird, um Sinn, Trost und Gemeinschaft zu erfahren.

Fuck me, Im famous
Im rauhen Wind der Konkurrenz ist die Einreihung in die nationale Gemeinschaft eine feste Burg.
In einer Gesellschaft, die nicht für die Menschen, sondern für das Kapital produziert, ist der_die Einzelne in der Konkurrenz so isoliert, dass sie_er nach Integration in eine Gemeinschaft und Abgrenzung gegenüber Anderen bedarf. Was gibt es da besseres als die Nation?
Sie ist optimal dazu in der Lage, den Leuten eine Identifizierung mit einer Gemeinschaft zu bieten, eine Vielzahl an möglichen Erklärungsmustern zu liefern und eine passgenaue Abgrenzung nach aussen zu liefern. In der wohligen Wärme der nationalen Gemeinschaft können wunderbar einfach die Unterschiede in der Gesellschaft (Besitzende und Besitzlose / Lohnabhängige und Produzent_innen) und die Gegensätze der Gesellschaft in Gemeinschaft und Gemeinsamkeit überführt werden.
Die Gesellschaft mit ihren gegensätzlichen Interessen und Widersprüchen wird durch eine mythische Überhöhung und eine Interpretation der Vergangenheit zu einer gemeinsamen Nationalgeschichte, zu einem „Wir“ gekittet.

Bisher wurde in diesem Text vor allem von Standortnationalismus und bürgerlichem (Verfassungs-)Patriotismus gesprochen. Sie sind nicht die einzigen Spielarten des Nationalismus. Vielmehr leben wir in einer Gesellschaft, die sich als höchst komplexes Geflecht von verschiedenen Ideologien darstellt. Bei weitem nicht alles lässt sich über die Wirtschaftsform einer Gesellschaft erklären. Völkischer Blut-und-Boden-Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus müssen immer im historischen Kontext gesehen werden und entwickelten sich aus einer Vielzahl an politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren. Doch alles, was sich zwischen konservativem und liberalem Glauben an die Nation bewegt, ist so wirkmächtig, dass es getrost als die grundlegende Gedankenform der bürgerlichen Gesellschaft gelten kann.

Happy Nation
Die Nation ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft, sie fungiert als entscheidende und zentrale Kategorie aller Beziehungen und Vorgänge in sozialer, politischer und ökonomischer Hinsicht. Nicht umsonst ist die erste Frage noch vor der nach dem Beruf die nach der Herkunft. „Wo kommst du her? Was machst du?“ Im Gesprächsanfang aller Bekanntschaften zeigt sich, wie eine Gesellschaft tickt. Beruf, gesellschaftliches Standing und Herkunft – na danke. Da scheiss‘ ich doch auf die Nation. Aber letztendlich liegt die Gefahr in der Nation, weil sie aller Kritik zum Trotz so fest in den Köpfen steckt – sie ist eine in sich geschlossene, unglaublich effektive Ideologie mit der Wucht einer Bombe und der Zerbrechlichkeit eines Stahlklotzes. Sie erfüllt ihre Aufgabe mit beängstigender Routine und Souveränität. Sie verschleiert die Klassenunterschiede so weit, dass der Laden ohne jegliche Knirschgeräusche weiterläuft, sie konstruiert Unterschiede und Abgrenzungen dort, wo eher Brücken gebraucht würden im Bestreben nach einer befreiten Gesellschaft, und sie fickt die Leute dermaßen in den Kopf, dass sie die Scheisse, in der sie sitzen, für Gold halten, solange sie nur Deutsche sind.

>> Weiter unten die "Dritte" Halbzeit.

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