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Schlafmaus

Schlafmaus

" you and me babe, how about it? "

Klaviermädchen.Dienstag 23.02.2010 10:34 PM



Die Straßenbahn hält. Steig 12 um 18 Uhr. Es ist Winter. Letztes Jahr war der Sommer. Er wirbelte den Pollenstaub durch die Luft und die Kirschblütenblätter verstreuten ihren Duft. Die dicken Stiefel hinterlassen winzige Spuren im Schnee. Elfenzart, und ihre weiße Haut errötet vor Kälte. So wie damals im Herbst, als sie eines der Blätter für ihre Sammlung aufhob. Ihr kleiner Bruder liebte die Vielfalt der Blätter. Sie würden sich immer verändern, aber er blieb zurück, gekettet an ein Bett, geplagt von Husten. Taschentücher kennzeichneten das Haus. Einmal flog eines aus dem spärlichen Fenster, es musste schon so lange repariert werden. Sie lief ihm hinterher, sie liebte es dem Wind zu folgen. Im Frühling hob sie ein Kleeblatt auf, doch nie fand sie eins mit vier Blättern. Sie hoffte einmal diejenige zu sein der das Glück folgen würde, doch es blieb aus. Im Sommer blies ihr eine sanfte Brise eine Melodie ins Ohr, sie folgte ihr. Durch einen Tunnel, das Wasser spiegelte das schönste Mädchen wieder. Ein Stein zerstörte das Bild. Aber die Melodie wurde immer lauter. Der Herbst brachte Regen, er spielte ein Lied. Die einzelnen Tropfen hüpften auf den Steinen, sie tanzten fast.
Nur hinter dem Fenster herrschte Wärme, nach der sie sich so sehr sehnte. Ihre Mutter schlug sie, aber sie war sich bewusst, sie meinte es nie so. Ein Mann bat das Mädchen in sein Haus. Er besaß die Reife, sie zu lieben. Jeden Tag spielte er ihr die kostbarste Melodie, die ein Piano nur erklingen lassen konnte. Sie saß auf seinem Hocker, den Kopf mit Händen gestützt, ihr weißes Kleid beschmutze nie. Ab und an schlich sich ein Lächeln, welches jedoch kurze zeit später verjährte, ein. Es war das schönste Lächeln, wie ein Gedicht es nur zeichnen konnte.
Er ging fort. Das Haus stand leer, er fing ihr Lächeln ein und verschloss es nahe seinem Herzen, er rührte es jedoch nie an. Er war zuvorkommend.
Im Frühling klopfte sie an seiner Tür, im Sommer schaute sie durchs Fenster, doch die Sonne nahm ihr den Blick. Im Herbst schob sie ihre Blättersammlung, die ihrem Bruder soviel bedeutet hatte, unter den Türschlitz, doch die ersehnte Kirschblüte blieb aus. Der Schnee wurde tiefer, die dicken Stiefel, tragen sie nur mühselig. Auf der Eisfläche tanzen die Schneeflocken ihren letzten Tanz, die Amseln haschen sie mit ihren Schnäbeln. Die nächste Bahn fuhr und die darauf auch.
Sie steigt in den letzten Wagon. Ihr Gesicht fort errötet, und die Tränen steigen vor Kälte zur Augebraue auf. Ein Mann reicht ihr zitternd sein letztes Taschentuch, seine Hände waren mit den Jahren gezeichnet, sanft streift er ihre Wange und der Schneesturm wirbelt die schönsten Noten. Ihre blutroten Lippen öffnen sich und zum ersten Mal in ihrem Leben lacht sie herzlich und laut. Der Zug hält niemals an.

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