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Speedway of LifeDienstag 08.01.2008 03:27 PM

Ein dutzend kleiner Schnitte waren auf beiden seiner Hände klar zu erkennen. Es schien als wären diese Verletzungen nicht willkürlich herbeigeführt worden. Zu synchron war ihre Anordnung. Als würde ein krankes System dahinter stecken, welches für die verschnittenen Handflächen von Mike verantwortlich ist. Er lehnte sich genervt zurück und starrte mit leerem Blick aus dem Fenster der Ubahn. Dieses monotone Geräusch der Wagenräder welche über die Geleise schleiften. Er konnte es nicht mehr hören, es erinnerte ihn an sein Leben, welches zwar alles andere als monoton schien, es dafür um so mehr war. Er lebte nur noch für den Augenblick. Den einen Augenblick wofür es sich zu Leben lohnte, da war er überzeugt. Es interessierte ihn nicht, was um ihn herum geschah, so bekam er nicht mal mit, dass das Mädchen welches ihn noch vor wenigen Minuten angelächelt hatte, weiter hinten im Abteil von einer Gruppe Jugendlicher bedrängt wurde. Er sass einfach nur da, starrte ins Nichts, war mit den Gedanken überall, nur nicht in dieser niemals enden wollenden nach Rauch und Abfall miefenden Ubahn.

Die Minuten vergingen, neben Mike waren nur noch wenige Leute im Abteil. Kein wunder es war schon 3Uhr Morgens. Um dieses Zeit trifft man hier selten Jemanden an und falls doch wären es entweder Dealer, Prostituierte, oder sonstige Kriminelle, allesamt scharf darauf, kurz vor Schichtende noch etwas Geld zu verdienen. Die alte Neonröhre flackerte und immer wieder wurde es für mehrer Sekunden dunkel im Wagon. Es war ihm egal. Was war schon ein dunkler Zug im Vergleich zu dem tief Schwarz in seiner Seele.

Mit lautem Getöse und dem ohrenbetäubenden Quietschen der längst revidierbedürftigen Räder rauschte die Bahn in den nächsten Bahnhof ein und kam schliesslich zum Stehen. Mike stand von seinem Platz auf, an dem er zuvor eine knappe Stunde regungslos verharrt hatte und schlenderte langsam, dennoch zielgerichtet zur Tür.

Der Blutfleck in der Ecke wo vorhin das Mädchen gestanden hatte viel ihm nicht weiter auf. Warum auch, war es hier doch normal, dass irgendwas passierte. Es verging ja keine Minute mehr ohne dass nicht irgendjemand vergewaltigt, beraubt oder gar getötet wurde. Die goldigen Zeiten hatte Moskau hinter sich. Es herrschte wieder Gewalt und Verbrechen auf den Strassen, die Regierung ward gestürzt und die Mafia hatte die Fäden wieder fest in ihrer Hand. Die Menschen hier betranken sich entweder bis zur Besinnungslosigkeit, oder aber nahmen Drogen, wessen Vielfalt und Sortiment sich in den Jahren vervielfacht hatte.

Einer von diesen neuartigen Drogen war Mike erlegen. Es war auch unschwer zu erkennen welcher. Die Schnittwunden auf seinen Handflächen sprachen ihre eigene Sprache. Es war Blade. Eine der wohl abartigsten Drogen, welche ein Mensch je fähig war zu erfinden. Da Spritzen im ganzen Land knapp wurden nach der Epidemie vor 2 Jahren, kam einer auf die Idee, anstatt zu Fixen sich das Zeug in die Haut zu ritzen. Immerhin hatte fast jeder eine Rasierklinge und wenn nicht war es immer noch einfacher eine solche aufzutreiben als eine der überteuerten Spritzen von einem Dealer zu erstehen, welche zu 90% verseucht mit Krankheiten wäre. So kam es, dass man immer mehr Leute, auch Jugendliche mit diesen makaberen Selbstverstümmelungen sah. Manche versuchten es zu verstecken und ritzten stattdessen an ihren Knöcheln. Doch sie würden es nicht lange tun. Zu heftig waren die Schmerzen wenn man mal ne Weile keinen Stoff hatte. Es war als würde einem Jemand bei lebendigen leibe die Füsse absägen, so sehr würden sich die Drogen in den Füssen festsetzten. Zudem verheilten die Schnitte nur sehr langwierig wenn denn überhaupt. Die Schmerzen würden bald nur noch mit noch mehr Blade zu ertragen sein und die Wunden an den Knöcheln zu frisch, also würden sie wohl oder übel ihre Handflächen ritzen und somit sich selbst den Stempel für die Gesellschaft aufdrücken, ein Junkie zu sein. Andererseits drang diese Droge so tief in das Bewusstsein der Junkies ein, dass es ihnen früher oder später egal wäre, was die Gesellschaft, oder was davon noch übrig war von ihnen hielt. Sie waren Junkies. Na und? Kümmerte es doch keinen mehr, wie es seinem Gegenüber ging. Jeder schaute nur für sich, der Kampf ums nackte überleben hielt schon zu lange an.


to be continued

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