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ImmortalRain

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Irgendwo zwischen Realität und Wahnsinn

Die letzten sechs WochenMontag 25.04.2011 05:18 PM

Aus dem Tagebuch einer Krähe:
Die letzten sechs Wochen



Langsam wird’s ernst: Die letzten sechs Wochen der Schwangerschaft sind angebrochen. Viele berufstätige, werdende Mütter atmen jetzt auf, denn der Mutterschutz beginnt. Ich sitze schon seit drei Wochen zu Hause und starre Löcher in die Luft, arbeiten darf ich nicht mehr. Zum Kofferpacken ist es auch noch zu früh, heim geht es erst in knapp drei Wochen, nach der schriftlichen Prüfung.

Ich muss zugeben, die letzte Zeit war anstrengend. Schlafen kann ich nur, wenn Töchterchen es zulässt, denn sie hat sich entschieden, den größten Teil ihrer „Wachphasen“ in die Nacht zu legen. Das heißt, wenn ich zu Bett gehen will, fängt sie an zu randalieren. Alexander kann dann vorm schlafen gehen die Dellen in meinem Bauch beobachten, die Füßchen, Knie, Fäustchen und Ellenbögen hinterlassen und kurzzeitig verschwinden, wenn er vorsichtig Druck darauf ausübt – nur um dann an anderen Stellen meines Bauches wieder aufzutauchen. Ja, irgendwie niedlich – aber nervtötend, wenn man müde ist und schlafen will. Das die Kleine kaum noch Platz in meinem Bauch hat, dass reibt sie mir auch gerne unter die Nase – beziehungsweise, unter die Rippen. Es ist reichlich unangenehm, oft sogar schmerzhaft, wenn sie anfängt, ihre spitzen Knochen auszustrecken. Nicht selten sieht man mich dann nach Luft schnappen, denn Töchterchen gesteht meiner Lunge nur wenig Platz zu und tritt gerne gegen die unteren Rippenbögen. Wahrscheinlich bin ich innerlich längst grün und blau getreten. Auch meine Nieren und die Blase müssen einiges wegstecken. Besonders, wenn ich Tee getrunken habe. Langsam bin ich am überlegen, ob ich nicht das Stövchen mit Teekanne, Zucker und Tassen aus dem Wohnzimmer ins Bad verlege. Das würde mir die ewige Rennerei ersparen.

Auch Alexander scheint sich mehr und mehr auf das Leben zu Dritt einzustellen. Er kümmert sich rührend um mich, nimmt mir so viel ab wie’s nur geht, ermahnt mich laufend, einen Gang zurück zu schalten und verbringt viel Zeit bei mir. Ich habe das Gefühl, seit dem er mit beim Partnerabend im Geburtsvorbereitungskurs war, läuft die Welt für ihn etwas… anders. Er scheint mir voller Tatendrang und Begeisterung zu sein. Keine Frage, er ist noch er selbst – aber irgendwie anders. Wo ich immer das Gefühl hatte, er geht Verantwortung aus dem Weg, scheint er jetzt nur darauf zu warten, dass man ihm welche überlässt. Scheinbar muss ich jetzt darauf achten, dass er sich nicht zu viel auflädt…

Aber wir beide können es kaum erwarten, die Kleine endlich in die Arme zu schließen. Wie sie wohl sein wird? Wird sie eher ein Denker wie ich oder eher praktisch veranlagt wie Alex? Mein Ehrgeiz, Starrsinn und diese fast humorlose Ernsthaftigkeit? Oder doch lieber Alex’ lockere, ungezwungene Art, Ausdauer und Fleiß? Langweilt sie sich schnell wie ich? Oder kann man sie stundenlang mit den einfachsten Dingen beschäftigen? Kreativ wird sie mit Sicherheit, denn das sind wir beide. Alex lernt verdammt schnell und ich habe ein sehr gutes Gedächtnis – sicherlich eine vorteilhafte Mischung. Spannend wird sicherlich, ob sie Alex handwerkliches Geschick und mathematisches Verständnis bekommt – Es wäre ein Fluch, wenn sie in diesen beiden Dingen nach mir schlägt. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mehr kaputt als heile mache, abgesprungene Fahrradketten ein absoluter GAU für mich sind und unzählige Glühbirnenwechsel in einer absoluten Katastrophe endeten. Gleichungen kann ich gerade noch so lösen, aber so bald sie mehr als eine Unbekannte haben, ist bei mir Feierabend. Von Wahrscheinlichkeitsrechnung und dem ganzen Parabelquatsch wollen wir gar nicht erst reden. Ich bete dafür, dass ihr wenigstens das erspart bleibt. Wo Alex Festplatten und diverse elektronische Geräte in ihre Einzelteile zerlegt und wieder funktionstüchtig (!) zusammensetzt oder mich nur mitleidig belächelt, wenn ich mal wieder an einfachsten Dingen verzweifle, weil ich zu kompliziert Denke, bin ich akribisch und ein regelrechter Schwamm, was Wissen, Termine und Daten angeht. Ich beschäftige mich Stunden mit komplexen Fragen und Denkmustern und hinterfrage Alles und Jeden. In dieser Hinsicht ergänzen Alex und ich uns perfekt: Er ist der praktisch veranlage, ich der Denker. Wir gehen Dinge auf zwei ganz verschiedene Arten an: Er macht einfach, was er für richtig hält, ohne sich großartig den Kopf darüber zu zerbrechen. Ich denke gründlich drüber nach, wäge Kosten und Nutzen sorgfältig ab – welche Handlung welches Ergebnis hervorruft und was für Folgen das hat. Alex und ich liegen uns deswegen öfters in den Haaren – unsere Sturheit ist dabei garantiert keine Hilfe – und doch finden wir immer wieder zueinander. Was nun bekommt unser Töchterchen nun ab? Meine oder Alex Art oder doch die goldene Mitte? Letzteres wäre sicher das Beste für alle. Eins ist sicher: Ganz egal, wie sie wird, wem sie mehr ähnelt, wessen Charakterzüge sie auch bekommt – wir werden sie Lieben, wie sie ist.

Einen Platz in unseren Herzen hat sie ja schon.

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