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Kapitel 1 - Eine unvermeidliche BegegnungDonnerstag 09.07.2009 11:05 AM

Die letzten Töne des Konzertflügels verklangen und auch Alyshias Stimme verstummte endgültig. Das Publikum tobte, klatschte und jubelte wie verrückt. Die Sängerin klemmte das Mikrophon in die Halterung, strahlte über das ganze Gesicht und winkte den Zuschauern zum Abschied. Kurz darauf verschwand sie hinter der Bühne und ließ sich auf einen Stuhl sinken. “Du scheinst immer besser zu werden”, bemerkte Jay, während er ihr ein Wasserglas hinhielt und sich neben sie setzte. Er war der einzige Außenstehende, der mit Alyshia einen solchen Kontakt pflegen durfte. Sie ergriff das Glas sofort und trank es in wenigen hastigen Zügen komplett aus. Obwohl sie noch nicht sonderlich oft auf Konzerten sang, konnte sie sich vor Aufträgen kaum retten. Das Musikgeschäft fasste sie als potentielle, junge Sängerin auf, die irgendwann Millionen verdienen und DER Star sein könnte, um den sich alle reißen würden. Jedoch war Alyshia erst 16 Jahre alt und stand kurz vor ihrem Durchbruch. “Da könntest du recht haben”, gab sie ihm zur Antwort. Er lächelte milde, schien besorgt um die Gesundheit des Mädchens, denn jedes Mal, wenn sie einen Auftritt hatte, war sie hinterher ausgelaugt und ungewöhnlich müde. Auch wollte er nicht, dass ihre Stimme eines Tages wegen dem Singen versagen würde. Vorsichtig strich Jay ihr über den Hals und ließ seine Hand an der Seite verweilen. “Summ bitte kurz.” Fragwürdig schaute sie ihren Freund an und tat wie ihr geheißen - sie summte das Lied aus ihren gemeinsamen Tagen, welches sie zusammen geschrieben hatte. Anhand der Schwingungen der Stimmbänder konnte er feststellen, dass sie noch immer ganz normal funktionierten. “Wieso machst du das immer?”, fragte sie nach seiner Prozedur. “Ich mache mir nur Sorgen. In deinen jungen Jahren könnte das schlecht ausgehen.” Freundschaftlich boxte Alyshia gegen seine Schulter. “Mir geht es gut! Sobald ich etwas falsches spüre, werde ich dir Bescheid geben.” Sie lächelte zufrieden und hoffte, ihren Freund damit besänftigt zu haben. Doch darin lag nicht seine einzige Sorge. Alyshia war erfolgreich - keine Frage. Doch Erfolg hatte sowohl gute als auch schlechte Seiten. Menschen, die nach dem streben, was andere erreicht haben, die vielleicht sogar gewillt sind, das Glück anderer zu zerstören. Neider, die einfach nicht mit der eigenen Leistung zufrieden sind und sich auf gleiche Höhe wie die anderen stellen wollen. Aber wieso dachten diese Menschen so? Neid ist eine Emotion, welche sowohl den Betroffenen als auch das Opfer in Unglück stürzen könnte. Damit ist oft das Streben nach Gleichheit, wenn nicht sogar Besserstellung gerechtfertigt. Ist die Gesellschaft denn so verwirrt, dass sie das Glück anderer nicht akzeptieren konnte? Jeder Musiker oder Sänger erzielte den größtmöglichen Erfolg, den er aus seiner Karriere holen konnte. Konkurrenz ist, wie nicht anders zu erwarten, lediglich Behinderung, die einem die besten Aufträge wegschnappen könnten. So war es auch mit Alyshia. Die alten Sternchen am Himmel der Musikbranche sind uninteressant geworden, als die junge Sängerin ihre ersten privaten Auftritte hatte und somit auf sich aufmerksam machte. Und damit begann es auch. Sie sahen sie nicht als ein junges Talent an, welches man fördern sollte, sondern als DAS Problem schlechthin. Demnach suchten sie nach Methoden, ihr das Singen zu vermiesen oder ihr gar die melodiöse Stimme wegzunehmen. Damit wäre ihre Karriere gerettet … Das befreiende Läuten der Schulglocken beendete auch dieses Mal einen recht anstrengenden Tag. Alyshia trat in die Sonne und streckte sich ausgiebig. Schülerströme zogen an ihr vorbei, bis sie alleine auf dem großen Schulhof stand. Es dauerte noch eine Weile, bis Jay bei ihr war. Die beiden gingen jeden Nachmittag zusammen nach Hause, da sie in der gleichen Straße wohnten. Heute stand noch ein kleines Gespräch mit einem Lehrer an. “Und, hat sich die Sache geklärt?”, fragte sie neugierig, während sich die beiden in Bewegung setzten. Jay schwankte ein wenig mit dem Kopf, entgegnete aber dann: “Ja, aber die bessere Note bekomme ich trotzdem nicht.” “Schade eigentlich.” Langsamen Schrittes gingen sie durch die Stadt und unterhielten sich über die Dinge, die der heutige Schultag mit sich brachte. Um heute etwas schneller nach Hause zu kommen, kürzten sie den Weg ein bisschen ab und liefen durch den sonst recht verlassenen Stadtpark. Der Park wurde sonst immer gemieden, da es hieß, dass sich dort verlauste Buben und sonstige sonderbare Gestalten herumtrieben. Alyshia war jedoch kein bisschen verunsichert und ging genauso fröhlich mit Jay um, wie sie es sonst auch tat. Er hingegen war wachsam und ließ seine Blicke über jede Ecke und jedes Gestrüpp huschen, bis er plötzlich stehen blieb. “Was ist?”, wollte das Mädchen wissen und schaute ihren Freund fragend an. “Ich habe da so ein Gefühl …”, sagte er kaum hörbar. Jedes Geräusch um sie herum verstummte, es war wie in einem Film, der nun immer geheimnisvoller und spannender wurde. Verwirrt drehte Alyshia sich im Kreis, konnte aber nichts erkennen. Sie setzte sich auf die umstehende Parkbank und wies Jay an, sich neben sie zu setzen. “Falscher Alarm. Du hast dich sicher vertan.” “Vielleicht …” Er zögerte einen Moment, gab ihrer Anweisung jedoch dann nach und nahm neben ihr Platz. Das seltsame Gefühl konnte er jedoch noch immer nicht abschütteln. “Vielleicht bin ich einfältig, naiv oder blind, was das wesentliche anbelangt, aber es gibt sicher kein Grund zur Beunruhigung”, versuchte sie Jay zu besänftigen. Vorsichtig strich sie ihm über sein dunkles Haar, welches ihm zersaut in der Stirn hing. “Kann sein …”, gab er genervt von sich. Und wieder wurde es still, denn die beiden schwiegen und lauschten ihrer Umgebung. Selbst das vergnügte Zwitschern der sonst so aufgeweckten Vögel war nicht zu vernehmen. Plötzlich raschelte es hinter ihnen im Gebüsch. Ein schneller Würgegriff von hinten umfasste beide Hälse und ein Tuch, welches man ihnen vor die Nase hielt, betäubte sie in Windeseile. ‘Ich wusste doch, dass da was nicht stimmt …’, dachte er sich noch, bevor er langsam das Bewusstsein verlor. Das leise Tropfen eines undichten Wasserhahns drang deutlich an ihre Ohren. Als Alyshia zaghaft die Augen öffnete, fand sie sich am Boden eines dunklen Raumes wieder. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten und sie genau erkennen konnte, was sich um sie herum befand. Scheinbar war sie in einem Keller, da nirgends Fenster angebracht waren und somit Tageslicht hätte einfallen können. Eine einzelne, matte Glühbirne brachte ein wenig Helligkeit an diesen sonderbaren Ort. “Was zum …”, murmelte sie verwirrt, als sie sich aufsetzte. “Ahh, du scheinst aufgewacht zu sein”, sprach eine ihr unbekannte Stimme. Erschrocken fuhr sie herum und sah einen in dunkler Kleidung gehüllten Mann, welcher verborgen in dem Schatten stand, den das Licht der Glühbirne nicht erfassen konnte. “Wer sind Sie?”, fragte Alyshia misstrauisch und stellte sich auf ihre viel zu wackeligen Beine. “Wo haben Sie mich hingebracht? Und wo ist mein Freund?!” Ihre Stimme wurde immer lauter. “Du bist nicht die, die hier irgendwelche Fragen stellen sollte. Halte die Klappe und antworte nur, wenn du gefragt wirst, sonst wirst du es bitter bereuen.” Diesmal sprach jemand anderes zu ihr, aus der Ecke neben seines Kumpanen. Etwas erschrocken schluckte das Mädchen und suchte den Raum nach Jay ab - vergeblich. Plötzlich traten wider Erwartens drei Leute aus den Schatten hervor. Es waren drei männliche Geschöpfe - zwei unbekannte Männer mittleren Alters und Jay, welcher von einem der beiden festgehalten wurde. Man hatte seinen Mund mit einem Klebeband abgeklebt. Alyshia erkannte den flehenden Ausdruck in seinen bernsteinfarbenen Augen. “Was wollt ihr?”, fragte sie, stets darauf bedacht, ihren Freund nicht unnötig in Gefahr zu bringen. “Ich sagte, du bist nicht die, die hier irgendwelche Fragen stellen sollte.” Die Angst, die sich anfangs in den tiefsten Gründen ihres Körpers befand, kroch nun langsam in ihr hoch. Sie sagte nichts mehr, wartete nur darauf, dass sie ihre Anforderungen stellten. Ob sie sie wohl prüfen wollten? Fünf Minuten eisiges Schweigen ließ die Anspannung nur schlimmer werden. “Also gut”, begann der Linke, der ein Messer in der Hand hielt und Jay noch nicht besonders nahe war. Alyshia war nicht imstande, sie auch nur in irgendeiner Weise zu beschreiben. Sie wollte nichts wie hier weg, Jay schnappen und türmen. In Gedanken plante sie bereits die Flucht, wusste aber, dass sie scheitern würden. “Willst du, dass deinem Freund was passiert?”, fuhr er unbeirrt fort. Energisch schüttelte das Mädchen den Kopf. “Wirst du weiterhin singen?” “Natürlich! Das Singen gehört zu meinem Leben!” Beide Männer grinsten hämisch. Der Rechte riss Jay das Klebeband vom Mund, welcher lediglich das Gesicht schmerzvoll verzog. Innerlich litt Alyshia mit ihm. Binnen weniger Sekunde schnellte die Hand des Linken hervor und verletzte mit dem Messer den Arm Jays. Diesmal stieß er einen lauten Schrei aus, welcher dem Mädchen fast das Herz zeriss. “Wirst du weiterhin singen?”, fragte er nun wieder. Ihr standen bereits die Tränen in den Augen, was ihr das Sprechen erschwerte. “Nein”, sagte sie leise, um das Versagen ihrer Stimme zu vermeiden. “Wirklich nicht?”, hakte er noch nach. “Nein”, bestätigte sie. Der, der Jay die ganze Zeit festhielt, schubste ihn in Richtung Alyshia, welche ihn gerade noch so im letzten Moment auffangen konnte. Schützend hielt sie die Hand vor seine Wunde und blickte die beiden Männer hasserfüllt an. “Solltest du irgendwann einmal wieder singen, wird er mehr wie eine mickrige Wunde davontragen. Wenn es wirklich sein muss, wird er halt sterben. Willst du das denn?” Ein boshaftes Lachen folgte auf seine Worte. “Nein”, gab sie angestrengt von sich und drückte Jay an ihren Körper. “Sorge dich nicht, es geht mir gut”, log er und stöhnte schmerzvoll. Das Entsetzen stand der Sängerin ins Gesicht geschrieben. Durfte sie denn wirklich nicht mehr singen? Daran wollte sie nicht denken. Wenn sie ihre Lieder vortrug, hatte sie das Gefühl, sie könnte Berge versetzen. Während dieser kurzen Zeit waren all’ ihre Sorgen wie weggeblasen, als gäbe es sie überhaupt nicht. Und jedes Lied sang sie für eine einzige Person. Durfte sie diese denn nun nicht mehr mit ihren lieblichen Klängen erfreuen? Noch ehe sie irgendwelche Gedanken zu Ende denken konnte, betäubte man die beiden erneut. Nach einiger Zeit fand sich Alyshia auf derselben Parkbank wieder, wo man sie überfallen hatte. ‘Ein Traum?’, dachte sie und blickte gen Himmel. Das Abendrot hatte den Himmel bereits in ein schimmerndes orange getaucht. Dann wanderte ihr Blick zu Jay, welcher noch immer blutend neben ihr lag. ‘Nein! Realität!’ Sie erschrak sehr bei dem schmerzlichen Anblick ihres verwundeten Freundes, riss sich ein Stück von ihrer Kleidung ab und verband seine scheinbar tiefe Wunde schnell. Im Gegensatz zu ihr war er noch nicht bei Bewusstsein. Mit diesem Moment hatte sie einen ganz entscheidenden Entschluss gefasst …

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