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Kapitel 3 - Tränen, Schwüre und DrohungenDonnerstag 09.07.2009 11:04 AM

Der Wecker klingelte, es war bereits sieben Uhr. Die Schule scheuchte um diese Uhrzeit nahezu alle Jugendliche aus ihren Betten. Ebenso ging es Alyshia, die dank den jüngsten Ereignissen am Vortag nicht schlafen konnte. Sie verkraftete es nur schwer, ihren Freund leiden sehen zu müssen - und das nur wegen ihrer Stimme. Hätte man sie damals bloß nicht entdeckt, dann könnte sie jetzt noch in aller Ruhe mit Jay singen. Bei diesem Gedanken konnte sie die aufsteigenden Tränen nicht unterdrücken. Während sie aufstand und sich für die Schule fertigmachte, weinte sie still und leise vor sich hin. Die Verletzung an Jays Arm war nicht sonderlich gravierend und ließ sich gut behandeln, was bedeutete, dass er noch am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ob er in die Schule käme, war unsicher. Man hatte versucht, Alyshia die Antworten auf die Fragen, die die Verletzung betrafen, zu entlocken - vergebens. Das Mädchen schwieg wie ein Grab und klammerte nahezu an ihrem Entschluss. Jay log für sie und sagte, dass er einen Unfall gehabt hätte, der sie so schockiert hätte, dass sie stumm geworden sei. Die Ärzte wollten sie unbedingt untersuchen, doch sie verneinte dies und sträubte sich mit allen Mitteln dagegen. Ihre Eltern waren sehr besorgt, was sie jedoch nicht zum Sprechen animierte. Sie wollte Jay schützen - koste es was es wolle. Als Alyshia in die Küche kam, saß ihr Vater in der Küche und las Zeitung. Er sah die verweinten eisblauen Augen seiner Tochter, reagierte jedoch nicht darauf. “Guten Morgen”, grüßte er sie, nippte an seinem Kaffee und schaute sie eindringlich an. Alyshia nickte bloß und setzte sich an den Tisch. Sie hatte keinen Appetit, weshalb sie lediglich ein Glas Milch in wenigen Zügen leerte, schnell wieder aufsprang, zum Abschied winkte und sogleich das Haus verließ. Ihr Vater schaute ihr lediglich verdutzt nach. Den Weg zur Schule rannte sie fast schon entlang. Sie wollte ihn unbedingt sehen und hoffte, dass er kommen würde. ‘Er wird bestimmt da sein … Ich habe das Gefühl, als sei ihm meine Entscheidung keinesfalls gleichgültig.’ Den Weg, für den Alyshia für gewöhnlich zehn Minuten brauchte, legte sie in fünf Minuten zurück. Schwer atmend kam sie auf dem Schulhof an und setzte sich auf die Bank, wo Jay und sie sich immer trafen. Die wenige Zeit, die sie mit Warten verbrachte, kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor. Aber dann kam er, noch immer sichtlich erschöpft, und hastete auf sie zu. “Alys!”, rief er, als er nur noch ein paar Meter von ihr entfernt war. Unmittelbar vor seiner Freundin kam er zum Stehen und umarmte sie hektisch. “Wie geht’s dir?”, fragte er und ließ von ihr ab. Das Mädchen wiegte den Kopf, um auszusagen, dass ihre Laune sich in Grenzen hielt. “Du redest noch immer nicht …”, bemerkte er und senkte den Kopf. Dann klingelte die Schulglocke und gewährte allen Einlass.
Die Fragen schienen kein Ende zu haben. Alles begann damit, als Kytharel zu Jay kam und ihn fragte, was er mit seinem Arm angestellt habe. Der Versuch, mit Alyshia schlug fehl und zurück blieb einzig der fragwürdige Blick sämtlicher Schüler, die ein Gespräch mit dem schweigsamen Mädchen aufbauen wollten. Auch die Lehrer schienen sichtlich verwirrt, als Jay ihnen erklären musste, dass Alyshia nun stumm sei. Als sie sich nach der Ursache erkundigten, tischte er ihnen dieselbe Lüge wie allen anderen auf. Lediglich die Musiklehrerin schien sichtlich berührt, da sie sehr begeistert von der jungen Sängerin war.
Nach der Schule war Alyshia im Begriff schnell nach Hause zurückzukehren, als Jay sie abfing. “Wieso handelst du so, wie die Kerle es wollen?”, fragte er und musterte sie mit finsterem Blick. Sie senkte den Blick und schüttelte ihren Kopf. ‘Ich will dich doch nur schützen’, dachte sie sich und sah ihn wieder an. Inständig hoffte sie, dass er verstand, was sie dachte. “Mir wird nichts geschehen, das war doch bloß reiner Bluff”, antwortete er, als hätte er ihre Gedankengänge hören können. Vorsichtig umarmte er seine Freundin und drückte sie sanft an sich. “Und wenn sie mir etwas antun würden wäre das auch egal. Hauptsache ich höre deine Stimme. Du weißt gar nicht, wie gut mir das tun würde, wenn du ein einziges Mal für mich singen würdest.” Wieder stiegen die Tränen in Alyshias klaren Augen auf. Langsam drückte sie ihn von sich und versteckte ihr Gesicht hinter ihren dunklen Haaren. Dann schüttelte sie ihren Kopf und lief einfach davon. ‘Will er es nicht verstehen oder kann er es nicht? Ich lasse das nicht zu!’, sagte sie sich in Gedanken, während sie nach Hause lief. Ihr war bewusst, dass er ihr nicht folgen würde und dass sie somit vor der Verantwortung flüchtete. Da sie sich nicht beruhigen konnte, musste sie einmal Rast einlegen, um nicht gleich zu ersticken. Kaum war Alyshia Zuhause, sprintete sie gleich in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab. ‘So kann das nicht weitergehen …’, sagte sie sich in Gedanken. Sie schaute in den Spiegel und betrachtete ihr verweintes Spiegelbild. Vorsichtig rieb sie sich die Augen. Dann fuhr sie zaghaft die Konturen ihrer Lippen auf dem Spiegel nach. ‘Ich werde nicht mehr singen. Nie mehr soll er wegen mir in Gefahr geraten. Ich schwöre es mir selbst.’ Das Mädchen setzte sich auf ihr Bett und sank dann in die Kissen. Das Weinen und Rennen hatte sie schwer mitgenommen. Es dauerte lediglich wenige Sekunden, bis sie ruhig schlief.
“Verdammt!”, fluchte Jay und schlug gegen eine Tonne neben ihm. Er strich sich durch die dunklen Haare und schaute zum Himmel. ‘Irgendwie muss man sie wieder zum Singen animieren … Oder wenigstens zum Sprechen … Nur wie?!’ Während er den Nachhauseweg langsamen Schrittes zurücklegte, suchte er angestrengt nach einer Lösung für dieses schwerwiegende Problem. Ein schrilles Klingeln riss ihn aus Gedanken - sein Handy hatte eine Nachricht empfangen. Hastig öffnete er die Kurzmitteilung und musste mit Bedauern feststellen, dass der Absender unbekannt war. Seltsamerweise umfasste das ganze nur sehr wenige Worte: ‘Ich wäre an deiner Stelle sehr vorsichtig, wenn du nicht willst, dass dir was passiert und du somit das Herz deiner kleinen Freundin brichst.’ Verärgert löschte er die Mitteilung gleich und steckte das Mobiltelefon gleich wieder weg. ‘Sie sitzen an einem längeren Hebel … Aber das lässt sich ändern. Und wenn es wirklich sein muss, dann werde ich stärkere Geschütze auffahren.’ Er überlegte, noch zu Alyshia zu gehen, hielt es aber dann für besser, es zu lassen und ihr ein wenig Gedenkzeit zu geben.

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