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Auch dieser Schultag schien unendlich lang. Das Klingeln der Schulglocke wirkte abermals befreiend und schickte Schülerscharen zurück nach Hause. Als Alyshia nach draußen trat, musste sie mit Bedauern feststellen, dass der Himmel sich zugezogen hatte. Eigentlich hatte sie gehofft, dass die Sonnenstrahlen ihr Herz ein bisschen erwärmen und somit ihre Sorgen wenigstens ein kleines bisschen verblassen lassen würden. Allerdings machten ihr die dicken, grauen Wolken einen Strich durch die Rechnung. Nach ungefähr anderthalb Minuten war auch Jay bei ihr. Er strich Alyshia eine Strähne hinter ihr Ohr und fragte mit ruhiger Stimme: “Können wir los?” Ein mildes Lächeln zierte seine Lippen, welches Alyshia erwiderte und stumm nickte. Irgendwie wirkte er sanfter, scheinbar hatte er die Hintergründe endlich verstanden. Das starke Freundschaftsband wurde zwar auf die Probe gestellt, schien die Strapazen jedoch auszuhalten und sogar noch gefestigt zu werden. “Wartet!”, rief plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Die zwei drehten die Köpfe nach hinten und erkannten Sean, den neuen Schüler. “Hallo”, begrüßte Jay mit verdattertem Gesichtsausdruck. Alyshia nickte bloß zur Begrüßung. “Hallo”, grüßte er freundlich zurück und stellte sich zu ihnen. “Spricht sie nicht?” Sean wies mit einer kleinen Handbewegung auf Alyshia. “Nein, sie ist stumm”, log Jay wiederum, ohne nachzudenken. Mit einem kurzen Augenniederschlag, den Jay als einziger bemerkte, bedankte sich das Mädchen für diese Notlüge. “Achso”, erwiderte er und sah seine Mitschülerin bedauernd an. Die List, die hinter seinen Worten steckten, war kaum bemerkbar. Irgendetwas führte er im Schilde - was es wohl sein könnte, stand in den Sternen. Alyshia und Jay war dies jedoch nicht klar. “Ihr wohnt doch sicher auch in der Stadt. Kann ich ein Stück mit euch mitgehen?”, hängte Sean gleich an und offenbarte somit seine Absicht. “Sicher”, sagte Jay und setzte sich in Bewegung. Die anderen beiden machten es ihm nach. “Aber sag, wieso bist du eigentlich auf unsere Schule gewechselt?”, fragte Jay irgendwann und brach somit das Schweigen. “Nun ja, ich bin nicht von hier. Ich bin erst hierher gezogen.” “Ah.” Jay wusste nicht wieso, aber irgendwie war ihm dieser Junge nicht geheuer. Sean erzählte noch ein bisschen von sich, wie alt er war, wie seine alte Heimat so war und allerlei belanglose Dinge, die die anderen beiden kaum interessierten. Aber um falsches Interesse zu zeigen und Sean bei Laune zu halten, hakte Jay immer nach und Alyshia nickte verständnisvoll. Einmal fragte der Junge sogar, warum sie nicht mehr sprechen würde. “Komplizierte Geschichte”, erwiderte Jay darauf knapp und beendete damit das Thema sofort. Nach einer Weile bog Sean in eine Seitenstraße ab und ließ die beiden alleine. “Ich mag ihn nicht”, knurrte Jay und schaute Sean nach, ob er auch wirklich verschwunden war. Alyshia nickte bloß bekümmert und betrachtete stets den Boden. Nach ungefähr zwei Minuten standen sie letztendlich auch vor ihrem Haus. “Na ja, ich würde mal sagen, bis morgen”, begann Jay, der auch sogleich bestürzt schien. Eigentlich wollte er sie nicht alleine lassen, da er Angst hatte, dass sie vielleicht Dummheiten begehen oder sich sonst ins Unglück stürzen könnte. Vorsichtig beugte er sich vor und küsste Alyshia auf die Wange. “Lass dich nicht unterkriegen”, sagte er noch kurz, drückte das Mädchen an sich und verabschiedete sich mit einem Winken. Wie angewurzelt blieb sie an ihrem Platz stehen und starrte ihm noch lange nach. Sie kannten sich schon lange, so viel stand fest, aber noch nie hatte er sie auf die Wange geküsst oder in einer derartigen Weise seine Zuneigung gezeigt. ‘Er scheint es wirklich verstanden zu haben’, dachte sie sich, bevor sie im Haus verschwand.
“Sie redet also gar nicht mehr?” Einer der Männer, die Alyshia und Jay entführt hatten, saß mit Sean in einem Café. Nachdem Sean die beiden verlassen hatte, ging er sofort dorthin um sich mit einem der Entführer zu unterhalten. “Verdammt, Avery, ja! Das Mädchen hatte bloß genickt. Auf meine Frage hin, warum sie nicht spreche, gaben sie mir nicht mal eine aufklärende Antwort. Mutter wird begeistert sein, wenn sie das hört.” Sean grinste hämisch. Auch der Entführer, dessen Name scheinbar Avery lautete, konnte es sich nicht verkneifen. Er nippte von seinem Kaffee und schaute Sean dann umso durchdringender an. “Vergiss nicht, behalte die beiden im Auge. Wenn sie singt, musst du uns umgehend Bescheid sagen! Denk dran, wenn du versagst und das Mädchen noch berühmter wird, als sie nicht schon ist, dann bist du dein Leben in Reichtum los.” Dann zückte er seine Geldbörse, legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch und ging geradewegs aus dem Lokal. Seinen Kaffee hatte er noch nicht einmal ganz getrunken. Sean blieb noch eine Weile sitzen, strich sich kurz durch die Haare und trank hastig seine Cola aus. ‘Sie darf einfach nicht mehr singen, aber irgendwie kriegen wir das schon hin …’

Und so verging die Zeit, zwar langsam, aber dennoch im geregelten Zeitfluss. Sean versuchte sich mit Alyshia und Jay anzufreunden, wurde aber von Kytharel immer etwas ausgegrenzt, was alles im Sinne von Jay passierte. Er wollte einfach nichts mit ihm zu tun haben, da ihm seine Art nicht passte und er spürte, dass er etwas beabsichtigt hatte. Alyshia sprach noch immer nicht und schien immer weniger Selbstbewusstsein zu besitzen. Einmal versuchte Sean ihr sich sogar zu nähern, was aber durch Jay sofort vereitelt wurde. Es kam ihm so vor, als wollte Sean das ohnehin zerbrechliche Mädchen endgültig zerstören. Außerdem war er sich seltsamerweise sehr sicher, dass hinter Seans Andeutungen nichts steckte und er nichts für Alyshia empfand. An wiederum einem anderen Tag - es war ungefähr mitten im Herbst - hatte Jay dermaßen Kopfschmerzen, dass er Zuhause blieb. Alyshia dachte, dass die Entführer sich trotz ihrer Abmachung über ihn hergemacht hatten und rannte nach der Schule außer sich vor Sorge zu ihm nach Hause. Dort fand sie ihn, ruhig, unverletzt. Er versicherte ihr wortreich, dass es ihm wieder gut ginge, was trotzdem nichts nützte - sie brach weinend vor ihm zusammen. Jay erschrak sehr, nahm das Mädchen in den Arm und drückte sie fest an sich. “Alles wird gut, hör auf zu weinen!”, versuchte er sie damals zu besänftigen. Seitdem kam er immer in die Schule, egal wie mies es ihm ging, einfach um für Alyshia da zu sein und sie nicht im Stich zu lassen. Außerdem, so kam es ihm zumindest vor, würde er es schaffen und sie wieder zum Singen und Sprechen bringen - dafür musste er nur ihr Selbstvertrauen wieder aufbauschen. Monate vergingen und die Wunden der Entführung saßen noch immer tief, schienen aber sehr langsam zu heilen. Und dann war es Winter, die Stadt war verschneit und kalt. Jay und Alyshia kamen sich langsam etwas näher, was vielleicht an den Umständen des Schweigens lag. Wenn er merkte, dass sie zitterte, nahm er sie fest in den Arm und versuchte sie mit seiner Körperwärme aufzuwärmen. Dabei vergaß sie jedes Mal für einen Moment, was die Seelen der beiden so verschnürte. Unbekannte Gefühle des Glücks machten sich in ihr breit, was ihre Freude ein bisschen ankurbelte und sie noch stärker an Jay band. Jay ging es ähnlich. Auch wenn er seit langer Zeit die melodiöse Stimme der jungen Sängerin nicht mehr hörte, mochte er sie umso mehr. Er kam sich wie ein Beschützer vor und wollte nie wieder von ihrer Seite weichen.
Als ein wieder schier endloser Schultag sein Ende nahm, traten Alyshia und Jay gemeinsam den Nachhauseweg an. “Wollen wir noch in ein Café gehen und ein bisschen die gemeinsame Zeit genießen?”, fragte er das Mädchen und lächelte zärtlich. Sie hingegen nickte, erwiderte sein Lächeln und kicherte sogar leise. Als er das hörte, hatte er das Gefühl, als würde sein Herz Luftsprünge machen. Wie sehr hatte er das vermisst, das unbeschwerte Kichern und Lachen Alyshias. Jay nahm sie an der Hand und lief sorglos die Straßen entlang. Es war zwar schwer für sie, Schritt zu halten, aber dennoch schaffte sie es irgendwie, ihm nachzukommen. Und dann bekamen die beiden etwas mit, womit sie überhaupt nicht gerechnet hätten …

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