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Kapitel 7 - Lieblicher GesangDonnerstag 09.07.2009 11:02 AM

“Weißt du, ich vermisse deine Stimme”, sagte Jay am Waldrand und verband Alyshia sorgsam die Augen. Anstatt zu fragen, was er da machte, fuchtelte sie verwirrt mit den Händen umher. Als die Binde fest saß, nahm er sie bei der Hand und führte sie vorsichtig durch den Wald. “Vertrau mir”, sprach er mit liebevollem Unterton. “Konzentrier’ dich auf meine Stimme, dir wird nichts passieren.” Jay wusste, dass das Mädchen schwer mit dem Bedürfnis kämpfte, einmal wieder aus vollem Halse zu singen. Ein ganzes Jahr lang hatte sie weder gesprochen noch gesungen, was mehr als nur eiserne Willenskraft erforderte. Was Alyshia jedoch am meisten verwunderte, war, dass Jay seinen Gitarrenkasten mitschleppte. Fragen, was er damit wollte, konnte sie nicht und deswegen ließ sie alles über sich ergehen. Sie stolperte etliche Male, fiel fast schon hin und konnte sich im letzten Moment noch gerade so an Jays Ärmel festkrallen und hörte nichts außer das Rauschen der Baumkronen, das vergnügte Zwitschern der Vögel und die ruhige Stimme ihres Freundes. Sie marschierten ungefähr zehn Minuten, als Jay plötzlich anhielt. “Gleich hast du’s geschafft”, flüsterte er ihr ins Ohr. Als sie den warmen Hauch seines Atems auf ihrer Haut spürte, erschauderte sie ein bisschen. Nie war es ihr aufgefallen - Jay schien ein bisschen mehr zu sein, als ein einfacher Freund in Nöten. Als er ihr endlich die Augenbinde abnahm, fand sie sich auf einer grün bewachsenen Waldlichtung, in dessen Mitte sich zwei große Steine befanden und die Baumkronen nur vereinzelte Lichtstrahlen durchließen, was für einen leicht silbrigen Schein sorgte. Vorsichtig führte Jay sie auf einen der Steine und bat sie, dort Platz zu nehmen. Dann öffnete er seinen Gitarrenkasten, nahm sein Instrument heraus und setzte sich auf den anderen Stein. Alyshia ließ ihren Blick keine einzige Sekunde von ihm ab. “Weißt du noch, damals …?” Er ließ seine Hand einmal über die Saiten der Gitarre streichen. Ein sanfter Klang ertönte. “Wir haben zusammen gesungen - unbeschwert, gelassen.” Es schien, als würde er in unendlichen Erinnerungen schwelgen und käme gar nicht mehr los von den schönen Gedanken. “Aber unsere Beziehung zueinander wurde fast kaputt gemacht. Fast.” Jay fasste die Gitarre richtig und ließ die ersten Töne eines Liedes erklingen - es war IHR Lied, das Lied, das sie in Kindertagen zusammen gesungen hatten. “Du bist wie du bist und du lebst in deiner eigenen Welt … Jedoch bin ich für dich da, egal wie schwer es mir gerade fällt … Wir sind niemals völlig gleich, unsere Wege sind oftmals verschieden … Doch eins ist sicher, gemeinsam können wir immer siegen …” Seine Gesangstimme klang grauenvoll. Wenn eins sich niemals geändert hatte, dann, dass er nicht singen konnte. Jedoch war das in diesem Moment nicht entscheidend, denn Jay steckte Herzblut in dieses Lied. Er wollte sie zum Singen animieren, Alyshia hatte schwer mit sich zu kämpfen. Doch dann entschied sie sich: ‘Ich muss nach vorne blicken, wir können es schaffen!’ Sie räusperte sich und stimmte dann in das Lied mit ein: “Auch dunkle Tage gehen irgendwann vorbei … Dann wird der sonst verborgene Weg auch wieder frei … Lass uns dann nicht länger warten, ich bin bereit … Unser Ziel ist auch sicher gar nicht mehr weit.” Anfangs krächzte sie noch ein bisschen, dann jedoch entfaltete sich ihre melodiöse Stimme im ganzen. Jay starrte seine Freundin ungläubig an - sie hatte es geschafft, nach einem Jahr. Um ihr jedoch nicht gleich wieder die Freude zu nehmen, spielte er weiter. “Folge dem Weg der Sterne, lass uns weiter geh’n … Wir wissen nicht was folgen wird, wir müssen nach vorne seh’n … Auch wenn unter uns alles schwankt und zu zerbrechen droht … Wir sind füreinander da, niemals allein …” Nun sang Alyshia alleine. Jay begleitete sie lediglich, ging auf sie zu und setzte sich neben sie. Ihr Spiel ging noch ungefähr drei Minuten weiter, bis er die letzten Töne ausklingeln ließ, die Gitarre vorsichtig zu Boden legte und das Mädchen durchdringend ansah. Sanft nahm er ihre Hände in seine, ihre eisblauen Augen leuchteten. “Wir haben es geschafft”, sagte er kaum hörbar. “Ja”, antwortete sie ihm und lächelte zufrieden. “Sie können uns nichts antun, wir werden es schaffen.” Jay strahlte nach ihren Worten. Langsam beugte er sich nach vorne und drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen. Alyshia schien durchaus überrascht, was ihr unabwendbarer Blick lediglich verdeutlichte. “Ich habe diesem Moment ein ganzes Jahr entgegengefiebert. Deine Stimme, dein unbeschwertes Lächeln, dein Lachen, dein Kichern … All’ diese Gesten, sie haben mir so gefehlt …” “Und ich hoffe, sie werden dir in nächster Zeit nicht fehlen, auch wenn sie kein Wort mehr sagen wird”, drang es plötzlich aus einer anderen Ecke der Lichtung. “Was zum …”, murmelte Jay verwirrt und drehte sich in die Richtung, aus der er die Worte vernommen hatte - und dort stand er, Sean. In seiner Hand hielt er ein Diktiergerät. “Ich habe ihren Gesang aufgenommen. Erinnert ihr euch denn nicht mehr an euer Versprechen?” Sean lachte hämisch. Den beiden Freunden stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Alyshia hatte erneut mit den Tränen zu kämpfen. “Nein …”, flüsterte sie verzweifelt und strich sich durch ihre Haare. ‘Ich hätte es nicht tun dürfen …’ Jay sprang auf und ging auf Sean zu - sein Entsetzen ist nun ungebändigter Wut ausgewichen. “Du Mistkerl! Gib mir das Gerät!” Er griff danach, verfehlte es jedoch nur knapp, da Sean nach hinten auswich. “Na na na. Versprechen ist Versprechen. Ich wusste, dass ihr unser Gespräch mitbekommen habt. Avery ist unfähig. Aber er weiß, wie man Leute verletzen kann. Das wird an ihn weitergehen.” Seine roten Haare schimmerten leicht in den einzelnen Sonnenstrahlen, was für Alyshia wie ein Signal vorkam. Sein breites Grinsen war kaum zu übersehen. “Keine Sorge, WIR halten uns an den Teil der Abmachung. Bye!” Plötzlich drehte er sich um und rannte davon. Jay wollte ihm schon nachhechten, als er auf einmal bemerkte, dass die Trauer und Verzweiflung bei Alyshia Überhand gewonnen hatte. “Nein, hör auf zu weinen!”, rief er und lief auf sie zu. Sie ging ihm bereits entgegen, weinend, kraftlos und fiel vor ihm auf die Knie. “Sie werden dich verletzen! Es ist alles meine Schuld! Wie konnte ich es bloß wagen, von dieser unheilvollen Stimme Gebrauch zu machen! Es tut mir so leid …” Der jungen Sängerin wurde schwarz vor Augen. Sie sank in die Arme ihres Freundes und verlor das Bewusstsein. “Alys … Alys! Jetzt komm zu dir!” Er schüttelte sie sanft, bewirkte jedoch nichts. “Was zum …” Alyshia wachte in ihrem Bett auf. “Was ist passiert?” “Du bist im Wald ohnmächtig geworden.” Jay hatte neben ihrem Bett in einem Schlafsack geschlafen. “Ich habe dich hergebracht und deinen Eltern gesagt, du seiest bei mir eingeschlafen. Sie wissen nichts davon, dass du wieder sprichst. Du solltest -” “Ich werde ihnen kein Wort erzählen.” Das Mädchen hatte sich aufgesetzt und klang entschlossen. “Wieso das denn?!” “Ich habe keine Ahnung, wie lange ich meine Stimme nutzen werde …” Sie berührte ihre eigene Kehle kurz und musste somit auch an Seans Worte denken. “Was ist mit Schule, müssen wir nicht so langsam los?”, fragte Alyshia und strahlte ihren Freund mit vorgetäuschter Freude an. Verdattert sah er sie an und nickte bloß. Die beiden standen auf und machten sich nacheinander fertig für die Schule. Frühstück ließen sie aus, um relativ früh aus dem Haus zu kommen. Die warmen Sonnenstrahlen am frühren Sommermorgen erwärmten sie schnell. Langsam gingen sie nebeneinander her, auf dem Weg zu dem Institut, das wohl die meisten Jugendlichen auf dieser Welt hassten. Alyshia beobachtete Jay aus den Augenwinkeln. Die Erinnerung an seinen kurzen Kuss ließ sie nicht los. Ob er wohl in sie …? Sie war sich nicht sicher, ob alles bloß freundschaftlich gemeint war oder er vielleicht ähnlich wie sie fühlte. Gedankenverloren achtete sie nicht auf ihren Weg. Jay ging es ähnlich. Auch er hing seinen Gedanken nach und bemerkte es nicht richtig, als zwei Hände die beiden Freunde grob an den Armen packte und sie in die danebenliegende Seitenstraße zog. “Nein!”, stieß Alyshia noch erschrocken hervor bevor man ihr den Mund zuhielt. Die beiden wurden an die Wand gedrückt und mit Messern bedroht. Erst als sie wieder einigermaßen klar denken konnten, erkannten sie, wer genau sie bedrohte. Avery und sein Kumpane - Sean hatte ihnen also wirklich das Band vorgespielt. “Soso”, begann Avery, welcher Jay festhielt, und ließ seinen Blick zwischen den beiden schweifen. “Ihr habt euch also nicht an die Abmachung gehalten.” Averys Kumpel grinste bereits breit, es schien ihm sichtlich Spaß zu machen. “Kleine Sängerin, weißt du, was du uns versprochen hattest?” Alyshia nickte verängstigt. Sie wollte nichts falsch machen, durch keine Reaktion Jay gefährden. “Kannst du dich auch an die Konsequenzen erinnern?” Als sie nicht reagierte, rüttelte sie Averys Kumpane, welcher sie festhielt, kräftig durch und ließ sie wieder gegen die Wand knallen. “Jaah …”, brachte sie angestrengt hervor. Ihre Stimme drohte zu versagen, sie kämpfte wieder mit den Tränen, die ihr emotionales Denken aufdecken würden. “Dann leb’ damit”, sprach Averys Freund mit dunkler Stimme und lachte kurz. Alyshia warf den Kopf zur Seite, um Jay nicht ansehen zu müssen und hörte bloß seine schmerzerfüllten Schreie. Avery stach ihm sein Messer in die Schulter und verletzte seinen Arm erneut. “Hör zu Kleines, lass das Singen besser. Beim nächsten Mal wird er nicht so glimpflich davon kommen”, sagte Avery noch, bevor er seinen Kumpel anwies, mitzukommen und sie sie losließen. Alyshia und Jay sanken zu Boden. Das Mädchen fasste all’ ihren Mut zusammen, um ihren Freund anzuschauen, der nur wegen ihr verletzt worden war. “Es tut mir leid”, flüsterte sie und sah in die bernsteinfarbenen Augen, welche Leid und Schmerzen ausstrahlten. “Es ist nicht … wegen dir … Es ist bloß diese … kochende Eifersucht.” Der Ärmel und der Rumpf seines Hemdes waren blutrot. Alyshia zog langsam ihr Handy aus der Tasche und verständigte den Notarzt.

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