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Alles hätte so einfach sein können. Ein erneuter Angriff hatte alles mit einem Schlag zerstört. Neuer Mut, neu entdeckte Gefühle, neue Freuden … war ihnen das denn wirklich völlig gleich? Eine gesamte Stargemeinschaft auf Kosten eines einzigen Mädchens glücklich zu machen war scheinbar einfacher als gedacht. Jemanden in die Enge treiben und zu drohen war offenbar nicht schwer. Aber weshalb bangen diese Leute so sehr darum, dass eine 16-jährige tatsächlich einen solchen Durchbruch schaffen und ihnen somit alles zerstören würde? Wenn sie Talent besäßen, könnten sie darüber stehen. Eifersucht zerstört Menschen. Es macht sie anfällig, verwandelt sie in abscheuliche Monster, die vor nichts zurückschrecken. Aber wieso muss es so weit kommen, dass ein Junge fast getötet und ein Mädchen in die Depression gedrängt wird?

Vorsichtig drückte Alyshia Jay weg. Er hatte sie lange im Arm gehalten, was in ihr ein unbeschreibliches Gefühl auslöste. Seine traurigen Augen suchten ihren Blick, doch sie hielt den Blick abgewandt. Ohne großartig zu überlegen fasste er ihr unters Kinn und hob ihr Gesicht so an, dass sie ihn anschauen musste. “Auch wenn du jetzt nicht mehr sprechen möchtest, dein Leben ist damit nicht beendet. Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren, wir müssen durchhalten und kämpfen. Eines Tages wird deine Stimme triumphieren. Du wirst sprechen, singen und alle in den Schatten stellen. Und niemand wird uns angreifen, weil all’ diese Idioten der Polizei in die Arme gelaufen sind. Du wirst eine großartige Sängerin werden, deine Lieder bekommen von dir eine großartige Bedeutung verliehen und werden die Herzen deiner Zuhörer erleuchten. Glaub’ an dich, wir können es schaffen!” Jay lächelte milde und strich Alyshia mit der anderen Hand vorsichtig über die Wange. Dann beugte er sich vor und hauchte ihr einen liebevollen Kuss auf die Lippen, welcher in dem Mädchen ein Gefühlsfeuerwerk auslöste. Nach wenigen Sekunden löste er sich wieder von ihr und schaute sie durchdringend an. Alyshia lächelte milde und nickte. ‘Wir können es schaffen’, dachte sie für sich und hoffte, er würde es trotzdem verstehen.
Auch wenn der Tag im Krankenhaus ihre Beziehung zueinander endgültig geprägt haben sollte, eine gewisse Distanz zwischen den beiden bestand noch immer. Sie wussten, wie der jeweils andere fühlte, doch daran festhalten konnte niemand von beiden. Solange Alyshia nicht sprach, wollte Jay seine Gefühle auch nicht in Worte fassen. Es würde ihn verletzen, wenn er keine Antwort erhalten würde. Stumme Handbewegungen waren schließlich auch nicht das, was er sich wünschte. Im folgenden halben Jahr kamen die beiden nicht von ihrem momentanen Standpunkt. Jay versuchte, ihr das Singen wieder schmackhaft zu reden, indem er ihr besondere Songs oder ihr diverse Lieder mit der Gitarre vorspielte. Auch hatte er wieder versucht zu singen, was diesmal allerdings kläglich scheiterte. “Was ist?”, hatte er damals mit einem überaus skeptischem Unterton gefragt, als Alyshia ihn lediglich entrüstet ansah. “Schon gut”, gab er daraufhin genervt zurück und ließ es damit für eine lange Zeit sein. Selbst der Musikunterricht ließ sie völlig kalt. Früher arbeitete sie voller Elan mit, war die erste, die singen sollte, wenn es um Gesangstücke ging, aber heute war ihr all dies völlig egal. Wenn die Lehrerin sie mit Hundeblick anbettelte, doch bitte ans Mikrophon zu gehen und doch bitte für die Klasse zu singen, hob sie den Kopf an und deutete mit einer Handbewegung auf ihre Kehle. Dann schüttelte sie den Kopf, was ihre Lehrerin fast jedes Mal zum Weinen brachte. Da Alyshia sich nie in der Schule meldete, gab man ihr auch keine Mitarbeitsnoten mehr. Sie galt sozusagen als Sonderfall und bekam Noten für ihre Hausaufgaben gemacht. Ihrer Lebensart stand nichts im Wege, außer der ständigen Angst, dass die Angreifer sie grundlos überwältigen könnten. Selbst Sean hielt sich von den beiden fern. Das beruhte darauf, dass Jay sich einmal geschnappt hatte.
“Was fällt dir eigentlich ein, uns in solche Schwierigkeiten zu bringen?!”, fragte er mit hasserfüllter Stimme.
Seine Hände zitterten, seine Selbstbeherrschung wanderte an ihren Grenzen.
“Und wenn schon, mein Leben ist damit gesichert!”, gab Sean selbstgefällig zurück.
Plötzlich ohrfeigte Jay ihn.
“SOLLTEST DU ALYSHIA NOCH EIN EINZIGES MAL ZU NAHE KOMMEN, DANN GARANTIERE ICH FÜR NICHTS!”
Wäre Alyshia in diesem Moment dabei gewesen, hätte sie Jay wohl für die nächste Zeit gemieden. Sie hasste Gewalt und mochte es nicht, wenn er austickte. So verging ein halbes Jahr. Es gab keine besondere Vorkommnisse oder nennenswerte Probleme. Die beiden lebten den Umständen entsprechend.
“Töte ihn”, brummte Averys Stimme. Alyshia schüttelte heftig den Kopf. ‘Nein, tut es nicht’, kreischte sie in Gedanken und fuchtelte wie wild mit den Armen, um Averys Griff zu lösen. Dieser jedoch hielt sie unbeirrt fest. Jay saß auf einem Stuhl, sein Kopf hing bewegungslos an seinem Körper, er war bewusstlos. Hinter ihm stand ein Komplize der Angreifer und hielt ihm eine Pistole an den Kopf. Der Finger am Auslöser begann zu zucken. Plötzlich ertönte ein ohrenbetäubender Knall, Alyshia kniff die Augen zusammen und wandte den Blick ab. “VERDAMMT NEIN!”
Auf einmal setzte sich das Mädchen schweißgebadet in ihrem Bett auf. Ihre Gesicht schien zu brennen, so warm war ihr. Sie fasste sich an ihre Stirn und merkte sofort, wie heiß sie war. War sie krank geworden oder lag es bloß an dem schlechten Traum? Ihr Blick wanderte zu dem Wecker, der bereits sechs Uhr anzeigte. Sie müsste erst in einer Stunde aufstehen. ‘Egal’, dachte sie sich und glitt von der Bettkante. ‘Ein Albtraum genügt völlig.’ Als sie auf den Beinen stand, wankte sie zuerst hin und her. Ihr Gleichgewichtssinn schien beeinträchtig. Es dauerte eine Weile, bis sie normal geradeaus gehen konnte. Alyshia brauchte eine halbe Stunde, um zu duschen, sich anzuziehen und zu frühstücken. Sie hatte noch jede Menge Zeit, da die Schule erst in einer Stunde beginnen würde. Um diese Spanne zu überbrücken, blieb sie am Tisch sitzen und las Zeitung. Nach einer Weile kam ihre Mutter rein. “Guten Morgen, Liebes”, sagte sie verschlafen, nahm eine Tasse und den frischen Kaffee, den Alyshia aufgebrüht hatte. Sie setzte sich neben ihre Tochter und musterte sie skeptisch. Ihre Mutter konnte sich nicht erklären wieso, aber aus irgendeinem Grund begann sie an der Verfassung des Mädchens zu zweifeln. Instinktiv fasste sie an die Stirn ihrer Tochter und bemerkte sogleich: “Du hast ja Fieber.” Alyshia schaute sie an und schüttelte den Kopf. Mit verschiedenen Handbewegungen und Deutungen auf ihre Körperpartien wollte sie ihr klar machen, dass sie nur schlecht geschlafen hatte. Sie schien zu verstehen, denn der besorgte Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand sofort. Dann stand Alyshia auf, - etwas zu schnell, weil sie wieder schwankte und sich abstützen musste, um das Gleichgewicht wiederzufinden - nahm ihre Schultasche, verabschiedete sich mit einem Winken von ihrer Mutter und verließ das Haus. Während sie gedankenverloren den Schulweg entlang ging, fasste sie sich selbst an die Stirn. Noch immer glühte sie geradezu. ‘Das kommt nicht von dem Traum, meine Mutter hat recht’, dachte sie sich noch, als sie plötzlich in die Knie ging und auf den Boden fiel. ‘Die Typen schaffen es immer wieder … Jetzt zehrt es sogar an meiner gesundheitlichen Verfassung’, war ihr letzter Gedanke, bevor sie bewusstlos wurde. Ihr Fieber war ungewöhnlich hoch.

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