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Kapitel 11 - Und mit einem Male war alles vorbeiDonnerstag 09.07.2009 10:59 AM

Alyshia erholte sich rasch von ihrem Krankenhausaufenthalt. Obwohl das Fieber ungewohnt hoch war, schien es, als hätte es ihre Gesundheit nicht einmal angekratzt. Sie war noch immer dieselbe - zerbrechlich und stumm, zaghaft und vorsichtig. Und so verging ein weiteres halbes Jahr, in dem nichts wirklich außergewöhnliches stattfand. Jay verschwieg ihr die kleine Rangelei mit Sean noch immer. Er war der Ansicht, dass dies für ein Verhältnis zwischen den beiden sorgen würde, welches er womöglich nicht ertragen konnte. ‘Niemals könnte ich das zulassen, dafür mag ich sie zu sehr’, dachte er und behielt die Sache deshalb für sich. Alyshia kämpfte noch immer mit dem unglaublichen Drang, einen Ton aus ihrer Kehle kommen zu lassen. Das lag aber daran, dass Jay einfach nicht locker ließ und es ihr deshalb sehr viel schwieriger machte, als es sonst wäre. Zum Beispiel summte er manchmal ihr Lied, während sie auf dem Weg zu irgendeinem Ort waren. Oder es bombardierte sie mit Themen, über die sie eigentlich sehr gerne diskutierte. Deshalb boxte sie ihm immer leicht an den Arm, damit er aufhörte und Ruhe gab. “Aber Alys, geh doch darauf ein!”, sagte Jay dann immer, worauf Alyshia mit einem stummen Kopfschütteln antwortete. Es war nun zwei Jahre her, seit Alyshias Stummzeit angefangen hatte. Seitdem wurde sie nur ein einziges Mal rückfällig, was sie allerdings sofort schwer bereute, als Jay darauf schwer verletzt wurde. Zwischen Sean und den beiden Freunden gab es nur Konflikte, die das Zusammenleben schwer beeinträchtigen. Jay vermied den Kontakt zu ihm in allen Fällen. Auch achtete er darauf, dass Sean nicht in Alyshias Nähe kam. Die Konsequenzen, die Sean damals angedroht hatte, erfolgten bislang nicht, weshalb Jay das unwohlige Gefühl endgültig abschüttelte. Seit Monaten hatte sich kein Musikkonzern bei Alyshia gemeldet, da sie davon gehört hatten, dass das Mädchen kein Wort mehr sprach, geschweige denn sang. Doch an einem Abend geschah etwas unvorhersehbares … Alyshia und Jay waren bei ihr Zuhause und schauten gemeinsam einen Film, als plötzlich das Telefon klingelte. “Ich geh ran …”, murmelte Jay und nahm den Hörer zur Hand. “Ja? … Ja, sie sind richtig verbunden … Da haben Sie richtig gehört … Was?! Meinen sie das ernst?! … Einen Moment!” Ruckartig nahm er das Telefon von seinem Ohr und schaute Alyshia durchdringend an. Scheinbar war er nervös und ein bisschen aufgeregt, denn er tippelte ein wenig mit den Füßen und ein aufrichtiges Lächeln zierte seine Lippen. “Das sind die von ‘Kokoro’! Sie wollen dich für ein Comebackkonzert arrangieren!” Als Alyshia das hörte, trat ein nahezu vergessener Glanz in ihre Augen. Mit einer Handbewegung deutete sie darauf, den Lautsprecher anzustellen, welchen Jay sogleich aktivierte. “Jetzt können Sie reden.” “Hallo Alyshia”, sprach eine freundliche Männerstimme. “Mein Name lautet Davis Westbrook und ich bin einer der Konzertmanager der Firma. Wir haben von dem tragischen Fall gehört, der dich zum Verstummen gebracht hatte. Jedoch warst du vor dieser Zeit sehr berühmt und ich bin mir sicher, dass deine Fans dir treu geblieben sind. Aber reden wir nicht weiter um den heißen Brei herum, kommen wir zum Punkt. Wir sind der Meinung, dass es eine Gesangsstimme, wie du sie hast, kein zweites mehr auf dieser großen weiten Welt gibt. Deshalb wollen wir dich bitten: Nutze sie! Damit kannst du Licht in die Herzen vieler Menschen bringen, wo wir gleich zum Motto unseres Konzerns kommen. ‘Kokoro’ ist japanisch und bedeutet Herz. Unser Leitspruch lautet schlicht und ergreifend: ‘Musik, die die Herzen der Zuhörer bewegen.’ Wenn ich mir deine Lieder so anhöre, dann weiß ich, dass dir dies stets gelang. Wir bieten dir deshalb an, ein Comebackkonzert abzuhalten. Die einzige Bedingung, die wir dir dabei stellen, ist, dass du in Zukunft für uns arbeiten wirst. Wir werden keinen Vertrag aufsetzen, sondern uns auf dein Wort verlassen. Wer so viel Gefühl in seine Stimme legt, der muss ein reiner Mensch sein. Jedenfalls wirst du 70 % des Gewinns bekommen. Von dem Gewinn werden allerdings noch die Konzertkosten abgezogen. Na, was sagst du?” Einen Moment lang ließ Alyshia sich dieses Angebot durch den Kopf gehen. Würde sie darauf angehen, konnte sie ihren Traum verwirklichen, allerdings auch Jay in Gefahr bringen. Würde sie ablehnen, könnte sie somit für immer Lebewohl dem Musikgeschäft sagen. Jay, der das Telefon fixiert hatte und auf weitere Worte wartete, bekam es kaum mit, als Alyshia seine Hand ergriff und ihn freundlich ansah. Als sie dann noch nickte und sich somit einverstanden gab, hätte er vor Freude aufschreien können. “Wir sind dabei”, sagte er. “Unsere Bedingung wird sein, dass ich, als ihr Freund, stets dabei bin und sie ein bisschen im Auge behalte. Einfach nur aus reiner Fürsorge.” “Abgemacht, damit sind wir uns einig! Wir werden uns melden!” Das gewohnte Tuten, dass die Unterbrechung der Leitung bestätigte, drang laut durch den Hörer. Jay drückte es weg, legte den Hörer beiseite und fiel Alyshia um den Hals. “Du wirst singen! Und das bald … Ich bin so stolz auf dich!” Vorsichtig drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen, welchen sie mit der gleichen Vorsicht erwiderte. Ein zufriedenes Lächeln konnte sie sich jedoch nicht verkneifen, da sie genauso glücklich wie ihr Freund war. Aber niemand rechnete mit den Folgen dieser Sache … Das Publikum des vollgestopften Konzertsaals klatschte wie verrückt, warf Blumen auf die Bühne und bettelte um eine weitere Zugabe. Doch Alyshias Zeit auf der Bühne war um. Während den Vorbereitungen für das Konzert, übte sie noch kein einziges Mal, um ihren Schwur aufrecht zu erhalten. Erst als die Pianomusik langsam erklang, hörte Jay ihre Stimme wieder seit so langer Zeit. Ihre Stimme klang so kräftig und sanft, als wäre sie niemals verklungen. Er war deswegen so gerührt, dass er nicht anders konnte, als zu Freudentränen zu weinen. Doch wer hätte gedacht, dass mit dem letzten Lied des Konzerts ihre Lieder für immer verstummten? Alyshia trat hinter die Bühne, wo Jay sie schon feierlich empfing. Er schloss das erschöpfte Mädchen in seine Arme und drückte sie fest an sich. “Ich bin so stolz auf dich … Das war fabelhaft”, flüsterte er ihr ins Ohr und drückte ihr ein kleines Küsschen auf den Wangenknochen. “Danke”, sagte sie in einem ebenso leisen Ton und errötete leicht. Jay kam sich irgendwie befreiter vor, als hätte man eine zweijahrelange Last ohne große Anstrengung innerhalb 10 Sekunden für immer weggeblasen. Auch Alyshia fühlte sich besser denn je. Ihr Manager kam auf sie zu und wechselte ein paar letzte Worte mit ihr, bevor Jay und Alyshia die Konzerthalle ein wenig verschleiert verließen. In der Dunkelheit der Nacht hofften sie, unerkannt zu bleiben. Um nicht doch von den Fans entdeckt zu werden, gingen sie einen Umweg, der durch ein paar kaum beleuchtete Gassen führte. An Jays Seite fühlte sie sich jedoch sicher. “Warum hast du es dir nicht gleich so einfach gemacht?”, fragte er mit leiser Stimme und hakte sich bei ihr ein. “Na ja, ich weiß es nicht … Vielleicht war es besser so.” Sie spürte, wie sein Blick auf ihrem Körper ruhte. “Was ist?”, hakte sie leicht beschämt nach. “Du hättest nicht so töricht sein dürfen”, erwiderte er kurz. “Na dann bin ich halt verletzt worden … Aber wie konntest du mir das antun? Ich liebe deine Stimme noch viel mehr, als all’ diese Fans, die dich so anhimmeln, zusammen! Aber noch viel mehr liebe ich dich.” Während er diese Worte aussprach, blieb er stehen und stellte sich unmittelbar vor sie. Obwohl sie diese lieben Worte seinerseits gewohnt war, hatte sie diese Liebeserklärung doch überrascht. “Ich liebe dich auch”, säuselte sie und ließ es zu, wie Jay sie sehr liebevoll küsste. Bei dieser zärtlichen Berührung bekamen sie es nicht mit, wie sich von hinten drei Personen näherten, die sie innerhalb von höchstens drei Sekunden gegen die Wand schlugen und festhielten. “Genau Alyshia, du hättest nicht so töricht sein sollen”, raunte ihr eine leider vertraute Stimme. ‘Ich wusste es!’, schrie sie in Gedanken. Ihre eigentlich unbeschwerte Laune schlug sofort um und wechselte sich mit einer verängstigen Verfassung ab. “Was geht hier vor sich?”, murmele Jay mit dunkler Stimme. Am Ende der Gasse bog ein Auto in eine andere Straße ein. Das Scheinwerferlicht beleuchtete die drei Typen für einen Moment. Es waren Sean, Avery und noch jemand, dessen Namen sie nicht kannte. “Bitte, hört auf damit!”, flehte Alyshia. “HALT DEN MUND!”, donnerte der Unbekannte, welcher sie festhielt, und knallte sie erneut gegen die Wand, damit sie Ruhe gab. Das leise Wimmern, das sie in diesem Moment von sich gab, schien er zu ignorieren. Averys Griff um Jay wurde nun auch etwas fester. “Na Jay, erinnerst du dich an unsere kleine Rangelei?”, fragte Sean mit höhnischem Unterton. “Und wenn schon, was willst du schon tun?”, gab Jay spöttisch zurück. “Leg es nicht drauf an …”, wisperte Alyshia flehend, was mit einem erneuten Knall bestraft wurde. Die Schmerzen, die sie dabei jedes Mal durchfuhren, waren dabei völlig belanglos. “Hör auf das was deine Freundin sagt, denn dein Schicksal ist ohnehin besiegelt”, brummte Avery. “Was?!”, kam daraufhin nur von Jay, der offenbar sehr geschockt war. Ein seltsames Klicken machte sich in der Dunkelheit bemerkbar und Sean bewegte sich schnell. Er hielt eine Pistole direkt an Jays Stirn. “Alyshia, das ist alles allein deine Schuld. Wir haben dich gewarnt, das Singen zu unterlassen. Wir haben dir gesagt, dass es schreckliche Folgen für dich und deinen Freund haben würde. Aber du wolltest ja nicht hören. Sieh es mit an, höre es mit an, wie qualvoll dein Freund sterben wird!” “NEIN!”, schrie sie aufgebracht und versuchte sich aus dem Griff von Averys Freund zu winden. Plötzlich ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Ein Knall, der mindestens meilenweit noch zu vernehmen war. Hunde fingen an zu bellen und Lichter der Häuser im Umkreis begannen zu leuchten. Eine warme Flüssigkeit benetzte Alyshias Wangen. “Unsere Arbeit ist getan”, sagte Sean anteillos und wies seinen Kumpanen an, das verstörte Mädchen loszulassen, welcher sofort gehorchte. Schnellen Schrittes verließen die beiden die Gasse. Langsam glitt Alyshia zu Boden. Sie war nicht einmal imstande, eine einzige Träne zu vergießen. “Was habe ich getan?”, fisperte sie, bevor sie ohnmächtig wurde. Jay wurde umgebracht, jedoch wurde der Mörder nie ausfindig gemacht und gefasst. Alyshia traf dies so hart, dass sie nun ungewollt stumm war. Sie aß und trank nicht mehr, wollte nicht zu Schule gehen und ließ das Leben an sich vorbei gleiten. Einige Psychiater hatten versucht, dem Mädchen zu helfen, hatten allerdings keinen Erfolg. Ihre Eltern sahen keinen anderen Ausweg und brachten sie in die Irrenanstalt. Man steckte sie dort in ein Zimmer, dessen Inventar aus einem Stuhl und einem Bett bestand. Alyshia hatte mit ihrem Leben abgeschlossen, was sie zu einer Tat drang, die niemand bis heute verstanden hatte. Sie nahm den Bezug ihres Bettes, verknotete diesen zu seinen Strang und erdrosselte sich damit selbst. Die Musikstars hatten was sie wollten. Sie hatten die junge Sängerin zum verstummen gebracht und somit zwei Menschenleben auf dem Gewissen, was sie allerdings kein bisschen interessierte. Alyshia und Jay wurden jedoch niemals vergessen …

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