IRC-Galerie

Cockney

Cockney

just enjoy life !
« Neuerer Eintrag -

Gruppe 1.5Mittwoch 16.11.2011 12:54 PM

Gruppe 1,5
Ich trage eine abweisende Lederjacke und verspiegelte Sonnenbrille, um jegliche Möglichkeit auf Kontakt von außen zu verhindern.

Ich trage eine abweisende Lederjacke und verspiegelte Sonnenbrille, um jegliche Möglichkeit auf Kontakt von außen zu verhindern.

Dann sehe ich jemanden, an dem mein Blick dennoch hängen bleibt. Dich. Du lächelst mir auffordernd zu.

Noch bevor ich dein Lächeln erwidern kann, macht sich das unangenehme, aber allzu bekannte, säuerliche Gefühl von schlechten Erinnerungen, Trauer und Angst in meinem Magen breit. Ich kann die nächsten 4-9 Monate im Zeitraffer vor meinem inneren Auge sehen.

Zuerst frage ich dich nach deinem Namen und ob du mit mir einen Kaffee trinken möchtest. Du hast keine Zeit, aber wir verabreden uns auf einen Drink für das Wochenende. Ich freue mich darauf, habe aber nicht viel mehr vor als mit dir zu schlafen. Ficken und weiterschicken. Nicht, weil ich mich nicht festlegen kann oder wollte, eigentlich auch nicht, weil ich denke, dass du nicht die Richtige bist, sondern weil ich es einfach nicht in Betracht ziehe. Glaube nicht mehr so richtig an das Konzept Beziehung, obwohl ich es eigentlich doch so gerne hätte.

Es gibt nur zwei Arten Frauen in meinem Leben. Frauen, mit denen ich gut befreundet bin (Gruppe 1) und Frauen, mit denen ich schlafe (Gruppe 2). Beide Gruppen sind relativ klein und die schönsten Momente hat man mit Frauen, die von Gruppe 1 zu Gruppe 2 wechseln, dann aber meistens aus meinem Leben verschwinden. Diese Gruppen sind nur mein Versuch, ein System zu erkennen in der Ausweglosigkeit meiner Beziehungen.

Wir treffen uns also und verstehen uns besser als gedacht. Gruppe 1, denke ich mir. Wir sehen uns wieder und wieder. Laufen uns in der Uni über den Weg. Sprechen über unsere Träume und Ziele. Erzählen von der letzten gescheiterten Beziehung und löschen gemeinsam die Kontakte unserer Exe.

Nach wenigen Wochen schlafen wir auch miteinander. Es scheint völlig natürlich und wir beschließen, dass wir super zusammen sind, aber eigentlich nur als Freunde. Gruppe 1,5, denke ich mir. Will ich mit dir zusammen sein? Nee, eigentlich nicht, rede ich mir ein. Ich liebe meine Freiheit, auch wenn ich, seit ich dich kenne, nicht mehr davon Gebrauch gemacht habe.

Trotzdem merke ich, wie du eifersüchtig wirst, wenn ich auf Parties mit anderen Frauen flirte. Oder wenn ich offensichtlich anderen Frauen hinterher gucke.

Du zeigst mir häufig, dass du mich gut findest. Wenn wir im Café sind und du denkst, ich würde nicht gucken, sehe ich, wie verliebt du mich anguckst. Ich freue mich darüber, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen. Kühl bleiben, nichts zulassen, ich kenne das Spiel. Wir schreiben uns gefühlte 100 SMS am Tag mit lustigen Sprüchen, Anekdoten oder einfach nur Neuigkeiten aus dem eigenen Leben. Und das, obwohl wir uns täglich sehen. Du interessierst dich sehr für den Sport, den ich mache. Kommst mit laufen und strengst dich dabei so sehr an, um mich zu beeindrucken, dass dein hübscher Kopf ganz rot wird. Du findest meine Ideen super. Wenn ich Lust habe, über das Wochenende nach Berlin zu fahren, kommst du mit. Treffe ich mich mit meinen Freunden, bist du dabei. Wir gehen zusammen weg, tanzen ein wenig mit anderen und zeigen der Welt dann unsere kalte Schulter, wenn wir uns vor den enttäuschten Blicken unserer Tanzpartner wild küssen. Du bist so unfassbar kreativ, lustig und ungewöhnlich, dass ich manchmal laut lachen muss, einfach nur, weil wir zusammen unterwegs sind und ich mich freue, mit dir befreundet zu sein. Ich kann mich gar nicht mehr an eine Zeit ohne dich erinnern und will es gar nicht.

Eines Abends mit viel Alkohol brichst du in Tränen aus und sagst, du willst endlich, dass ich sage, du seist meine Freundin. Es müsste sich ja gar nichts ändern, aber du hältst das so nicht mehr aus.

Klar denke ich mir. Wieso nicht? Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht sowieso schon eine Beziehung gelebt.

Plötzlich küssen wir uns zum Abschied.

Irgendwie scheint sich etwas verändert zu haben. Ich merke, wie ich eifersüchtig werde, wenn dir frühere Verehrer schreiben.

Du triffst dich wieder mit deinen Freunden. Den Freunden, von denen ich bis dato nichts gehört habe. Hast keine Lust mehr, mit mir laufen zu gehen. Das sei dir zu langweilig, du möchtest lieber wieder richtig Sport treiben, und für ein Wochenende in Berlin hast du keine Zeit mehr. Du hättest schließlich auch ein Leben. Wenn wir im Café sitzen, guckst du mich nicht mehr an, als sei ich der tollste Typ in dieser Stadt, und eigentlich ist von dir sowieso nicht mehr viel übrig. Wenn ich dich mit anderen Leuten sprechen sehe, bekomme ich immer wieder einen Einblick in die Person, in die ich mich so sehr verliebt habe. Mit denen machst du noch deine Witze. Die bekommen noch dein echtes Lächeln und nicht das mitleidige Grinsen, das ich ernte, wenn ich versuche, eine weitere gesprächslose Stunde im Café mit einem Witz zu erhellen. Mit denen hast du noch Träume und Pläne.

Ich muss mich verändern. Merke, wie du das Interesse verloren hast, versuche wieder cool und unnahbar für dich zu sein. Das stört dich nicht. Haben wir uns ein paar Tage nicht gesehen, weil du mit deinen Freunden in London warst, wo wir immer zusammen hin wollten und sage ich dann ein Treffen ab, freust du dich und sagst, dann könntest du dich endlich wieder mit Freundin Nr. 52 treffen. Meine Gedanken kreisen den ganzen Tag nur um dich und wie ich dich beeindrucken könnte. Ich gehe mehr ins Fitnessstudio, fange neue Sportarten an, denke mir kreative Sprüche und Geschenke aus, koche für dich, aber das merkst du nicht. Wir haben seit Wochen nicht mehr miteinander geschlafen. Aber das schlimmste ist, dass wir nicht mehr miteinander lachen. Wir sind nicht mehr das tolle Team, das wir einmal waren.

Gruppe 1,5 gibt es nicht.


Ich muss da nun einige Sekunden gestanden haben. Du stehst noch immer erwartungsvoll vor mir und lächelst mich frech an.

Ich mustere dich mit dem Blick, der mir den Ruf der Arroganz eingebracht hat, aber eigentlich nichts als Traurigkeit bedeutet, und gehe weiter.

Du bist noch kein Mitglied?

Jetzt kostenlos mitmachen!

Als registrierter Nutzer könntest du...

...Kommentare schreiben und lesen, was andere User geschrieben haben.