IRC-Galerie

Cinderella

Cinderella

Into the wild...Jimmy Glitschy der einarmige Karusselbändiger.

[Kein Thema]Sonntag 19.04.2009 09:11 PM

ich weiss nicht, wie es anderen menschen geht, aber ich habe mir fuer bestimmte situationen, die mir widerfahren koennten, bereits einen ungefaehren plan zurechtgelegt, wie ich mit ihnen umzugehen gedenke. klar, in den allermeisten faellen wird es niemals dazu kommen, weil ich mir in beeindruckender regelmaessigkeit gedanken ueber dinge mache, die sowieso niemals passieren. das liegt unter umstaenden auch ein bisschen in der natur der sache, aber daran kann ich sowieso nichts aendern. wuerde ich stephan weidner treffen, zum beispiel, dann wuerde ich ihm sagen dass ich ihn fuer ein grosses arschloch halte. oder besser: ich wuerde ihn fragen, ob er und seine bandkollegen einen ganz besonders feinen sinn fuer humor haben oder ob sie von der von ihnen vermittelten weltsicht wirklich so ueberzeugt sind, wie sie es in ihren liedtexten ausdruecken. was ich als antwort schlimmer finden wuerde, das weiss ich nicht. gerne taete ich auch ein paar menschen, die mir in meinem leben ueber den weg gelaufen sind oder ihn sogar ein stueck weit geteilt haben, fragen, ob sie mich wirklich nicht leiden koennen, oder ob ich mir das nur eingebildet habe. und ich wuerde noch eine menge andere leute gerne dinge fragen, die ich nie erfahren werde, genauso wie ich manchen leuten gerne ein paar sachen sagen wuerde, die ich trotz alledem nie aussprechen werde. und dann gibt es da noch so einen gedanken, der mir schon sehr lange durch den kopf spukt: was ich kool savas sagen wuerde, wenn sich unsere wege irgendwo kreuzten und wir die moeglichkeit zu einem kurzen gespraech haetten. und was das waere, das schreibe ich heute hier auf, weil es sowieso niemals geschieht. denn kool savas hat mein leben auf eine art und weise veraendert, die ihresgleichen sucht. um das zu erklaeren, sollte man vielleicht weiter ausholen, back zum anfang gehen und es noch einmal sagen: es war irgendwann gegen ende des letzten jahrzehnts, viel genauer kann ich das nicht mehr sagen, weil es auch nicht so eine grosse rolle spielt. genau wie vielen anderen jugendlichen – wie alt ich damals genau war, ist unerheblich, vielleicht auch deshalb, weil ich es bisher immer praeferiert habe, auf diesem blog nicht allzu viel ueber die person hinter den zeilen preiszugeben – half mir musik bei der identitaetsfindung: freunde und bekannte, die man hatte, begannen sich intensiver mit musik und den dazugehoerigen subkulturen zu beschaeftigen, aenderten, zum teil sukzessive, manchmal auch von heute auf morgen, neben ihrem aussehen auch ihren freundeskreis und ihre drogenpraeferenzen, ihr auftreten und ihren sprachstil. skater waren cool und hoerten – wer haette es gedacht – skatepunk und vielleicht auch schon ein bisschen hardcore. metaller schwaermten fuer eine musik, die seit jahren im voelligen stillstand verharrte und vergoetterten noch immer 20 jahre alte us-amerikanische musikbands wie metallica und iron maiden, und dann gab es da noch etwas: hiphop. hiphop in deutschland war damals, zumindest habe ich das so wahrgenommen, ein ziemlich lustiges geschaft: die absoluten beginner hatten ihre politische vergangenheit abgestreift und rappten liebeslieder, blumentopf und freundeskreis erzaehlten von aesthetischen extravaganzen und ihrer antifavergangenheit mit intifadaschal und ansonsten gehoerten zu dieser illustren runde auch noch so vollidioten wie buerger lars dietrich irgendwie dazu. auf gut deutsch gesagt: das war alles ziemlich lieb und langweilig, auch wenn ich durchaus zu den leuten gehoert habe, die hamburg rap unterstuetzt haben – denn ich wusste noch nicht, was untergrund heisst: das gegenteil. und dann kam kool savas. von jetzt auf gleich, ich erinnere mich nicht mehr genau, was der erste track war, den ich von ihm hoerte, aber er duerfte auf einem der beiden westberlin maskulin-alben draufgewesen sein, denn ich weiss noch ganz genau, dass diese beziehung zwischen savas yurderi und mir losging, bevor er sein erstes grosses video, king of rap, droppte. auf einmal war hiphop zu etwas ganz anderem geworden: da erzaehlten nicht mehr akademikerkinder aus dem wenig aufregenden leben der buergerlichen mittelschicht, sondern – so kam es einem zumindest vor – jemand, der anders drauf war. ich gebe es zu: das ganze war schon ein bisschen platt, primitiv, und doch wollten auch wir stewardessen-nutten mit der flak runterholen oder wie maskulin im auto wahllos auf passanten schiessen. die sprache, die savas verwendete, etablierte sich so fest im sprachgebrauch meines freundeskreises wie kaum etwas vorher oder danach, einfach, weil uns die gezeichneten bilder in diesen texten so absurd-lustig vorkamen und man derartiges schlicht und ergreifend noch nie vorher gehoert hatte. meine faszination fuer berlinrap war innert kuerzester zeit geweckt: damals – nein, keine angst, das wird hier kein „damals war alles besser“-eintrag, denn das war es nicht – lud man sich einzelne tracks noch mit napster oder kazaa runter, immer auf der suche nach irgendeinem neuen mp3, vielleicht nur mit einer zusaetzlichen strophe, hauptsache, es war wieder etwas dabei, was man noch nicht gehoert hatte. bei uns wurde so einiges umstrukturiert, koennte man in der nachbetrachtung sagen, denn was uns savas und taktloss – ich kann in einem text, der sich mit savas beschaftigt, nicht umhin, diesen namen zu erwaehnen – erzaehlten, das war so fremd, so voellig andersartig, dass auch die meisten unserer feinde aussahen wie fettes brot. und dann kam tatsaechlich das, was wir nicht erwartet hatten: savas war auf mtv und ich muss ehrlich sagen, dass es mich damals gefreut hat. man sah einen sympathischen jungen mann, um ein vielfaches juenger als ich es heute bin, mit einem haufen ebenfalls ueberhaupt nicht gefaehrlich aussehender menschen auf einer treppe sitzen und er erklaerte einem, dass rap mehr als sb-12 und s-900 imagepflege bedeute. damals wusste ich noch nicht, dass die leute, mit denen dieses video gedreht wurde, kurze zeit spaeter – 2001 – mit NLP so ziemlich das einzige deutschsprachige crewalbum aufnehmen sollten, dass ich mir auch heute noch gerne anhoere. aber der reihe nach, oder besser: bleiben wir beim thema. ehrlich gesagt war ich damals in vielen dingen ein noch sehr viel ahnungsloserer mensch als ich es heute bin. ich sass viel zuhause, programmierte zwar nicht den drumcomputer, aber viele leute die ich kannte waren genauso langweilig wie solche, die bildchen von hanuta sammelten. vielleicht haette mich zu einem spaeteren zeitpunkt in meinem leben, als ich begriffe wie homophobie auch sinnvoll mit inhalt fuellen konnte, diese musik nicht mehr so in ihren bann gezogen, aber so war es eben damals nicht. und was bringt unehrlichkeit in der retrospektive? daher seis zumindest in diesem falle drum: ich war angefixt. jeder track aus berlin, der sich irgendwie besorgen liess, wurde beschafft, angehoert und bewertet. so wuchs das verstaendnis und die kenntnis in sachen deutschem hiphop in gleichem maße wie sich eine ganze bibliothek an spruechen und satzergaenzungen in meinem gehirn aufbaute, die niemals aufhoerte, zu existieren: bis heute kann ich nicht umhin, ganz selbstverstaendlich immer dann, wenn jemand „fakt ist“ sagt, zu denken, dass ich seine oder ihre schwester ficke bis es knackt. nie ging es bei dem, was savas mir ueber kopfhoerer oder boxen einfluesterte, darum, das ausgesprochene in irgendeiner art und weise in der realitaet umzusetzen: nie bat ich jemanden darum, meinen schwanz zu lutschen, nie hielt ich mich fuer den pimplegionaer, nie suchte ich taeglich nach stress. mich faszinierte der wortwitz, mit dem diese eigentlich so infantilen zeilen vorgetragen waren: sexuelle potenz wurde in savas‘ texten in einer derartig offensichtlichen art und weise ueberzeichnet, dass das kokettieren mit diesen themen fuer einen ein wenig verklemmten jugendlichen spannend wurde, aber immer nur im eigenen kopf, nie in die oeffentlichkeit getragen. dass sich jahre spaeter rapper wie bushido mehr oder minder offen dafuer aussprachen, frauen zu schlagen, wenn sie was mit einem anderen hatten und das offensichtlich auch noch ernst meinten, diese entwicklung haette man mit etwas mehr weitsicht vielleicht erahnen koennen, aber ich gebe es offen zu: so weit war ich damals nicht. savas zu hoeren, machte einfach spass und zu merken, dass das anderen auch so ging, war umso besser. zu dieser zeit war savas noch bei put da needle to da records gesigned und ich hatte sogar einen – wie ich bis heute finde – ziemlich coolen pullover von diesem label. ein wenig spaeter war das aber wieder vorbei, mit germany vom klan – gott hab sie selig – rappte savas gegen peter auf den beat von luniz und erklaerte, warum er nicht mehr weiter dankbar und leise blieb. ich war gespannt und auch ein klein wenig aufgeregt, denn savas war zu diesem zeitpunkt mit sicherheit mein lieblingskuenstler. auf einmal war dann eko da und mit ihm der endgueltige bruch mit dem vorhaben, keine karriere zu machen und immer underground zu bleiben. ja, ich gebe zu, ein kleines bisschen enttaeuscht war ich schon, auch, weil ich noch nicht verstanden hatte, dass sich majorlabels und guter hiphop nicht ausschliessen muessen. jetzt gab es also diesen typen aus moenchengladbach, der bis zum letzten take rappte und den ich zur damaligen zeit eigentlich ganz hoerbar fand. ich erlebte das einzige openair-festival meines lebens – das splash in chemnitz – und brachte mir aus dem osten neben einer fetten erkaeltung vom zelten bei dauerregen vor allem das wissen mit, vermutlich den letzten auftritt von MOR gesehen zu haben. und scheisse, der war genial. ihr habt alle etwas verpasst. savas stand damals schon auf der mainstage, war deutschlandweit bekannt und ehrlich gesagt war sein auftritt nicht sooo der hammer. in einem zelt nebenan rappten einen tag spaeter zwei jungs, keiner von beiden trug eine maske, einer hiess sido, der andere b-tight, und ich war einer der leute, die mittendrin standen und das alles schon ganz cool fanden, irgendwie. berlin-hiphop war gerade dabei, in deutschland einer immer breiteren oeffentlichkeit bekannt zu werden und ich glaube, schon kurz danach koennen die meisten leser die nachfolgenden entwicklungen aus eigener erfahrung ergaenzen, so dass ich mir alles weitere hier sparen kann. irgendwo zwischen all diesen ereignissen schaffte ich im permanenten halbschlaf, aus dem ich eigentlich nie wieder erwacht bin, mein abitur, holte mir mein zeugnis im haus&boot-shirt ab, waehrend meine langweiligen mitschueler, die fuer mich nie besonders, sondern nur besonders behindert waren, unter den wachsamen augen ihrer ambitionierten eltern im anzug bzw kleid nach vorne traten und sich die bescheinigung dafuer abholten, eine ziemlich lachhafte institution dreizehn jahre lang mit ihrer anwesenheit beehrt zu haben, was sie wiederum in einem ausmaß feierten, dass mir bis heute gaenzlich unbegreiflich ist. ich hingegen kam mir in dieser zeit schon anders vor, vielleicht in einer typisch rebellischen jugendlichen pose verkrampft, aber immerhin im wissen, dass ich keinen fick gebe. heute schmunzelt man – mit recht! – auch darueber. savas siegeszug ging unterdessen weiter. in einem interview mit ihm, dass ich irgendwo aufschnappte, erzaehlte er von seinen rappenden vorbildern aus den USA: devin the dude, scarface und kurupt, und ich saugte das alles begierig auf, informierte mich, hoerte mich immer tiefer in die musik rein, die bis heute meine allerliebste bleiben sollte. gleichzeitig produzierte mein deutscher lieblingsrapper mal eben kurz ein paar tracks mit us-amerikanischen szenegroessen wie rza, royce da 5′9″ oder jadakiss, blieb dabei immer der freshste wie letztgenannter, veroeffentlichte sogar zusammen mit den smut peddlers einen track, und durch diesen kam ich letztlich ueber viele umwege zu den verschiedenen kuenstlern von def jux. indes raeumte der gebuertige aachener nationale preise ab, machte bei der „du bist deutschland“-kampagne mit und war dementsprechend bei mir ziemlich unten durch. waere da nicht das euer bester freund-mixtape, auf dem eine menge alter kram nochmal in eine schoene form gebracht wurde, untermalt von beats von jay-z, tupac und anderen: und wieder war ich hin und weg, konnte streckenweise ganze minuten des tapes auswendig mitsprechen – nicht rappen, denn dafuer war mir savas schon immer zu schnell – und merkte: wenn es schon deutscher hiphop sein muss, was schon lange nicht mehr haeufig der fall ist, dann kann die wahl eigentlich nur auf die eins fallen. der rest der geschichte ist schneller erzaehlt, weil wir uns ein bisschen aus den augen verloren haben in den letzten jahren, savas und ich. er macht immer noch musik, featured aber leider viel zu viele deppen, die ich mir nicht geben kann und ich hingegen habe schon lange aufgehoert, die entwicklung von deutschem hiphop zu verfolgen, weil das ganze immer mehr an eine stand up-comedy als an ein ernsthaftes musikbusiness erinnert. die john bello stories habe ich nichtsdestotrotz totgehoert. die idee schliesslich, diesen text zu schreiben, entstand irgendwo zwischen den emotionen, die ein savas-interview bei mixery raw deluxe vom anfang des jahres und der track rapfilm bei mir ausloesten. denn eins ist mir mittlerweile klar geworden: savas mag jemand sein, der in seiner freizeit auch mal nen palituch traegt und vermutlich auch zu vielen dingen eine ganz andere meinung hat als ich. freunde wuerden wir vermutlich nicht werden, doch stellt sich die frage, inwiefern das eine rolle spielt bei der frage, wie man die musik von einem menschen findet. jedenfalls ist er ein genauso riesiger hiphop-nerd wie ich und liebt die musik mehr als (fast? das frage ich mich bei mir selbst ebenfalls oft genug) alles andere auf der welt. und manchmal ist es auch etwas schoenes, wenn man mit menschen vorlieben teilt. auch ohne sie zu kennen. und was ich ihm jetzt sagen wuerde, wenn wir uns saehen? so genau weiss ich es doch nicht. nur eins ist mir klar: ich goenne dir, lieber savas yurderi, jeden cent und euro, den du mit dieser musik verdient hast und hoffentlich auch weiter verdienen wirst. wem, wenn nicht dir?

Du bist noch kein Mitglied?

Jetzt kostenlos mitmachen!

Als registrierter Nutzer könntest du...

...Kommentare schreiben und lesen, was andere User geschrieben haben.