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Du bist nicht mehr da, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind.♥

erstes Kapitel - Edward, auf den ersten BlickDienstag 27.10.2009 02:05 PM

Zwei Wochen war es her, seit wir das letzte Mal auf der Jagd waren. Für uns andere war das auszuhalten. Etwas unangenehm bisweilen - wenn ein menschliches Wesen uns zu nahe kam, wenn der Wind aus der falschen Richtung wehte. Doch die Menschen kamen uns selten zu nah. Ihr Instinkt verriet ihnen, was sie mit dem Bewusstsein nicht erfassen konnten: dass wir gefährlich waren. Jasper war in diesem Moment sehr gefährlich. Ein kleines Mädchen blieb am Kopfende des Nebentisches stehen, um mit einer Freundin zu sprechen. Sie warf das kurze, sandfarbende Haar zurück und fuhr mit den Fingern hindurch. Die Heizgeräte bliesen den Geruch des Mädchens zu uns herüber. Ich war an die Empfindungen gewöhnt, die dieser Geruch bei mir auslöste - an den trockenen Schmerz im Hals, das hungrige Verlangen im Magen, die automatische Anspannung der Muskeln, den übermäßigen giftigen Speichelfluss… das war alles ganz normal und ließ sich für gewöhnlich leicht ignorieren. Jetzt grade war es schwieriger, weil die Empfindungen, während ich Jaspers Reaktion verfolgte, stärker waren, doppelt so stark. Zweifacher Durst an Stelle nur meines eigenen. Jasper gab sich seinen Fantasien hin. Er malte es sich aus – stellte sich vor, wie er von seinem Platz neben Alice aufstand und sich neben das kleine Mädchen stellte. Wie er sich zu ihr hinunter beugte, als wollte er ihr etwas ins Ohr flüstern, und die Lippen an die Wölbung ihrer Kehle legte. Wie sich der heiße Puls unter der zarten Haut an seinem Mund anfühlen würde… Ich trat gegen seinen Stuhl. Ganz kurz schauten wir uns in die Augen, dann senkte er den Blick. Ich hörte, wie Scham und Abwehr in seinem Kopf miteinander kämpften. …>>Tut mir leid<<, murmelte Jasper. Ich zuckte dieAchseln. …>>Du hast nichts im Schilde geführt<<…,flüsterte Alice ihm zu, um ihn zu besänftigen. …>>Das habe ich gesehen.<<…Ich zwang mich, keine Miene zu verziehen, um ihre Lüge nicht preiszugeben. Wir mussten zusammenhalten Alice und ich. Es war nicht einfach Stimmen zu hören oder Zukunftsversionen zu sehen. Zwei Außenseiter in einer Familie von Außenseitern. Ich hütete ihre Geheimnisse und sie die meinen. …>>Es hilft ein bisschen, wenn du sie dir als Person vorstellst<<…empfahl Alice mit ihrer hohen, melodischen Stimme, die für Menschen zu schnell und zu leise war, um sie zu verstehen. …>>Sie heißt Whitney. Sie hat eine kleine Schwester, die sie über alles liebt. Ihre Mutter hat Esme zu der Gartenparty eingeladen, erinnerst du dich?<<… …>>Ich weiß, wer sie ist<<…sagte Jasper kurz angebunden. Er wandte sich ab und starrte aus einem der kleinen Fenster direkt unterm Dach. Sein Ton beendete das Gespräch. Er würde heute Nacht auf die Jagd gehen müssen. Es war lächerlich, dass er solche Risiken einging, seine Selbstbeherrschung so auf die Probe stellte und sein Durchhaltevermögen zu trainieren versuchte. Jasper musste einfach seine Grenzen akzeptieren und sich innerhalb dieser Grenzen bewegen. Seine früheren Gewohnheiten waren der von uns gewählten Lebensform nicht dienlich, er durfte sich nicht zu viel zumuten. Alice seufzte leise und erhob sich, sie nahm das Tablett mit dem Essen – eigentlich nur ein Requisit – und ließ ihn in Ruhe. Sie wusste, wann er von ihren aufmunternden Sprüche genug hatte. Rosalie und Emmett trugen ihr Verhältnis schamloser zur Schau, doch wenn es darum ging, die Stimmung des anderen zu spüren wie die eigene, waren Alice und Jasper ihnen weit voraus. Als könnten auch sie Gedanken lesen - aber nur die des anderen. …>>Edward Cullen<<…Reflexartig drehte ich den Kopf dorthin, wo mein Name gerufen wurde, obwohl er gar nicht gerufen, sondern nur gedacht wurde. Für den Bruchteil einer Sekunde begegnete mein Blick ein Paar schokoladenbrauner menschlicher Augen in einem blassen, herzförmigen Gesicht. Obwohl ich das Gesicht noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, kannte ich es. Es hatte heute in allen menschlichen Köpfen an erster Stelle gestanden. Die neue Schülerin, Isabella Swan. Tochter des Polizeichefs der Stadt, die von nun an hier bei ihrem Vater lebte anstatt bei ihrer Mutter. Bella. Sie korrigierte jeden, der ihren vollen Namen benutze… Gelangweilt wandte ich den Blick ab. Es dauerte eine Sekunde, bis ich merkte, dass nicht sie es gewesen war, die meinen Namen gedacht hatte. …>>Klar, dass die sich sofort in die Cullens verguckt.<<…So ging der Gedanke weiter. Ich kannte die ‘‘Stimme“. Jessica Stanley. Sie hatte mich schon länger nicht mehr mit ihrem Gedankengeschwätz belästigt. Wie erleichtert war ich, als sie ihre deplatzierte Schwärmerei überwunden hatte. Es war fast unmöglich gewesen, ihren unaufhörlichen, lächerlichen Tagträumen zu entkommen. Seinerzeit hätte ich ihr gern ganz genau erklärt, was geschehen würden, wenn meine Lippen und die Zähne dahinter sich ihr nähern würden. Das hätte diesen ärgerlichen Fantasien ein rasches Ende bereitet. Beim Gedanken an ihre Reaktion musste ich fast lächeln. …>>Das wird ihr aber noch Leid tun<<…dachte Jessica weiter. …>>Die ist ja noch nicht mal hübsch. Ich weiß nicht, wieso Eric sie so anstarrt…oder Mike.<<… Beim letzten Namen zuckte sie in Gedanken zusammen. Ihre neune Flamme, der allseits beliebte Mike Newton, beachtete sie überhaupt nicht. Umso mehr schien er das neue Mädchen zu beachten. Schon wieder das Kind mit dem glitzernden Gegenstand. Das war der Grund für Jessicas kleine gedankliche Bosheit, obwohl sie nach außen hin freundlich zu der Neuen war und sie über meine Familie aufklärte. Offenbar hatte sich die neue Schülerin nach uns erkundigt. …>>Mich gucken heute auch alle an<<…dachte Jessica selbstgefällig….>>So ein Glück, dass Bella zwei Kurse zusammen mit mir hatte…Garantiert will Mike mich fragen, was sie…<<… Ich versuchte das Gedankengeplapper auszublenden, bevor all die Banalitäten mich noch in den Wahnsinn trieben. …>>Jessica Stanley breitet vor dem neuen Swan-Mädchen den ganzen Schmutz über den Cullen-Clan aus<<…flüsterte ich Emmett zu, um mich abzulenken. Er lachte in sich hinein. …>>Hoffentlich macht sie ihre Sache gut<<…dachte er. …>>Ziemlich uninspiriert. Nur ein Minimum an Klatsch. Kein bisschen Horror. Da bin ich doch ein wenig enttäusch.<<…>>Und das neue Mädchen? Ist die von dem Tratsch auch enttäuscht?<<… Ich versuchte zu hören, was Bella, die Neue, von Jessicas Geschichten hielt. Was sah sie, wenn sie die merkwürdige, kreidebleiche Familie betrachtete, die von allen gemieden wurde? In gewisser Weise fiel es in meinen Verantwortungsbereich, ihre Reaktion zu überprüfen. Ich war für meine Familie eine Art Wächter – ein besseres Wort fiel mir nicht ein. Das sollte uns schützen. Falls einmal jemand Verdacht schöpfte, konnte ich die anderen frühzeitig warnen und zum Rückzug blasen. Gelegentlich kam das vor – manche fantasiebegabte Menschen erkannten in uns Figuren aus Büchern oder Filmen. Für gewöhnlich lagen sie daneben, doch in solchen Fällen wechselte man besser den Ort als zu riskieren, dass jemand der Sache auf den Grund ging. Sehr, sehr selten geschah es, dass jemand die richtige Ahnung hatte. Dann ließen wir demjenigen keine Gelegenheit, seine Theorien zu überprüfen. Wir verschwanden einfach und verwandelten uns in eine gruselige Erinnerung. Obwohl ich mich auf die Stelle neben Jessicas oberflächlichem innerem Monolog konzentrierte, hörte ich nichts. Es war, als säße niemand neben ihr. Wie eigenartig, hatte das Mädchen sich umgesetzt? Das war unwahrscheinlich, denn Jessica redete immer noch auf sie ein. Ich schaute nach und war verunsichert. Ich brauchte sonst nie zu überprüfen, was mein ‘‘zweites Gehör“ mir verriet. Wieder trat mein Blick ihre großen braunen Augen. Sie saß noch an demselben Platz wie vorher und schaute uns an, was nur natürlich war, da Jessica sie immer noch mit Klatschgeschichten über die Cullens unterhielt. Es wäre auch natürlich gewesen, wenn sie an uns gedacht hätte. Aber ich hörte keinen Laut. Verlockendes, warmes Rot färbte ihre Wangen, als sie den Blick senkte, eine Reaktion auf den Fauxpas, einen Fremden anzustarren und sich dabei auch noch ertappen zu lassen. Nur gut, dass Jasper immer noch aus dem Fenstern schaute. Ich mochte mir nicht vorstellen, welche Wirkung der Anblick ihres rasch zirkulierenden Bluts aus seine Selbstbeherrschung hätte. Ihre Gefühlsregungen waren ihr gleichsam auf die Stirn geschrieben: Überraschung, als sie unbewusst die feinen Unterschiede zwischen ihrer Art und meiner registrierte, Neugier, als sie Jessicas Geschichten hörte und dann noch etwas…Faszination? Es wäre nicht das erste Mal. Wir wirkten schön auf sie, unsere potenziellen Opfer. Und dann schließlich Verlegenheit, als ich sie ertappte. Und obwohl ihre Gedanken so deutlich in ihren seltsamen Augen zu lesen waren – seltsam wegen ihrer Tiefe, braune Augen wirkten wegen der dunklen Farbe häufig flach -, hörte ich von ihrem Platz nichts als Schweigen. Absolut nichts. Einen Augenblick lang fühlte ich mich unbehaglich. So etwas war mir noch nie passiert. Stimmte etwas nicht mit mir? Ich fühlte mich genau wie immer. Beunruhigt lauschte ich noch angestrengter. Alle Stimmen, die ich ausgeschaltet hatte, schrien plötzlich in meinem Kopf. …>>was für Musik sie wohl gut findet…ich könnte ja mal mit ihr über die neue CD…<<, dachte Mike Newton zwei Tische weiter, den Blick auf Bella Swan geheftet. …>>Wie der sie anstarrt. Reicht’s ihm noch nicht, dass die Hälfte aller Mädchen nur darauf wartet, dass er…<< , das waren die gehässigen Gedanken von Erik Yorkie, die sich ebenfalls um die Neue drehten. …>>so abartig. Ist ja fast, als wär sie eine Berühmtheit oder so…Sogar Edward Cullen glotzt sie an…<<Lauren Mallory war so eifersüchtig, dass ihr Gesicht eigentlich dunkel-grün hätte sein müssen….>>Und Jessica, wie sie sich mit ihrer neuen besten Freundin aufspielt. So ein Witz…<< Das Mädchen versprühte in Gedanken Gift und Galle. …>>Das ist sie bestimmt von jedem gefragt worden. Aber ich würd mich gern mit ihr unterhalten. Ich überlege mir eine originellere Frage…<<, dachte Ashley Dowling. …>>vielleicht hab ich ja Spanisch mit ihr zusammen…<<, hoffte June Richardson. …>>heute Abend noch so viel zu tun! Trigonometrie, und dann noch die Englischarbeit. Hoffentlich ist Mom…<<Angela Weber, ein stilles Mädchen mit meist freundlichen Gedanken, war als Einzige nicht von dieser Bella besessen. Alle konnte ich hören, jedes noch so belanglose Detail, das in ihren Gedanken auftauchte. Doch absolut nichts von der neuen Schülerin mit den täuschend beredsamen Augen. Und natürlich hörte ich, was das Mädchen sagte, wenn es mit Jessica sprach. Ich brauchte keine Gedanken zu lesen, um ihre leise, klare Stimme auf der anderen Seite des länglichen Raums zu hören. …>>Wer ist der Junge mit den rötlich braunen Haaren?<<, hörte ich sie fragen. Dabei sah sie mich aus dem Augenwinkel verstohlen an, schaute jedoch gleich wieder weg, als sie bemerkte, dass ich sie immer noch anstarrte. Falls ich gehofft hatte, mit Hilfe ihrer Stimme dem Klang ihrer Gedanken auf die Spur zu kommen, die irgendwo für mich unerreichbar herumschwirrten, so wurde ich augenblicklich enttäuscht. Für gewöhnlich war die Stimme, mit der die Menschen dachten, ihrer tatsächlichen Stimme sehr ähnlich. Doch diese leise, scheue Stimme kam mir nicht bekannt vor, sie glich keiner der vielen Gedankenstimmen, die durch den Raum hüpften, da war ich mir sicher. Sie war vollkommen neu. …>>Na dann viel Glück, du dumme Gans!<<, dachte Jessica, bevor sie die Frage des Mädchen beantwortete. ..>>Das ist Edward. Er ist super süß, klar, aber mach dir keine Hoffnungen. Er ist an Mädchen nicht interessiert, zumindest nicht an den Mädchen hier. Anscheinend ist ihm keines hübsch genug.<< Sie rümpfte die Nase. Ich wandte mich ab, um ein Lächeln zu verbergen. Jessica und ihre Klassenkameradinnen hatten keine Ahnung wie glücklich sie sich schätzen konnten, dass mir keine von ihnen sonderlich gefiel. Abgesehen von diesem Anflug von Heiterkeit verspürte ich einen merkwürdigen Impuls, den ich nicht ganz einordnen konnte. Er hatte etwas mit Jessicas boshaften Gedanken zu tun, von denen das neue Mädchen nichts ahnte. Ich verspürte den höchst eigenartigen Drang, dazwischenzutreten und Bella Swan vor Jessicas dunklen Gedanken zu schützen. Was für ein seltsames Gefühl. Ich versuchte zu ergründen, was hinter diesem Impuls steckte. Ich schaute mir das neue Mädchen noch einmal an. Vielleicht war es nur ein Beschützerinstinkt, der lange verschüttet gewesen war – der Starke für die Schwache. Dieses Mädchen wirkte zarter als seine Mitschülerinnen. Ihre Haut war so durchscheinend, kaum vorstellbar, dass sie ihr großen Schutz vor der Außenwelt bieten konnte. Unter der reinen, blassen Haut sah ich, wie das Blut rhythmisch durch die Adern gepumpt wurde…Darauf sollte ich mich lieber nicht konzentrieren – zwar fiel mir das Leben, das ich gewählt hatte, nicht schwer, doch ich war ebenso durstig wie Jasper und es war nicht ratsam, mich in Versuchung zu bringen. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sie eine kleine Furche, deren sie sich nicht bewusst zu sein schien. Es war so frustrierend! Ich sah genau, dass es eine Qual für sie war, dazusitzen, sich mit fremden Leuten zu unterhalten und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Die Haltung ihrer zarten Schultern verriet Schüchternheit – leicht gebeugt, als rechne sie jeden Moment mit einer Zurückweisung. Und doch konnte ich nur raten, nur sehen, nur vermuten. Nichts als Schweigen von diesem so gewöhnlichen Menschenkind. Ich konnte nichts hören. Warum nicht? …>>Sollen wir?<<, fragte Rosalie und störte damit meine Konzentration. Mit einer gewissen Erleichterung wandte ich den Blick von dem Mädchen ab. Ich wollte mich nicht weiter vergeblich abmühen – es ärgerte mich. Ich wollte nicht anfangen mich für ihre verborgenen Gedanken zu interessieren, nur weil sie mir verborgen blieben. Zweifellos würden sich ihre Gedanken, wenn ich sie erst einmal entschlüsselt hatte – und das würde mir gewiss noch gelingen - , als ebenso banal erweisen wie die Gedanken aller anderen Menschen. Nicht der Mühe wert, die ich aufbringen musste, um sie zu lesen. …>>Und, hat die Neue schon Angst vor uns?<<, fragte Emmett, der immer noch keine Antwort auf seine letzte Frage erhalten hatte. Ich zuckte die Achseln. Es interessiert ihn nicht so brennend, dass er insistiert hätte. Und mich brauchte es auch nicht zu interessieren. Wir standen auf und verließen die Cafeteria. Emmett, Rosalie und Jasper spielten ältere Schüler, sie gingen zu ihren Kursen. Ich spielte einen etwas jüngeren Schüler. Ich ging zu meinem Biokurs und machte mich auf eine langweilige Stunde gefasst. Es war kaum anzunehmen, dass Mr Banner, ein höchstens durchschnittlich intelligenter Mann, eine Überraschung für jemanden bereithielt, der zwei Abschlüsse in Medizin hatte. Im Klassenzimmer setzte ich mich auf meinen Platz und breitete meine Bücher – wieder nur Attrappen, es stand nichts darin, was ich nicht schon wusste - auf dem Tisch aus. Ich war der Einzige, der einen Tisch für sich allein hatte. Die Menschen waren nicht klug genug, um zu wissen, dass sie Angst vor mir hatten, doch ihr Selbsterhaltungstrieb sorgte immerhin dafür, dass sie mich mieden. Langsam trudelten alle vom Mittagessen ein und der Raum füllte sich. Ich lehnte mich auf meinen Stuhl zurück und wartete, dass die Zeit verging. Wieder einmal wünschte ich, schlafen zu können. Weil ich grade an die Neue gedacht hatte, als Angela Weber mit ihr hereinkam, weckte ihr Name meine Aufmerksamkeit. …>>Bella scheint genauso schüchtern zu sein wie ich. Bestimmt ist das heute nicht leicht für sie. Ich würde so gern irgendwas sagen…aber das würde sich wahrscheinlich nur blöd anhören…<< …>>Super!<<, dachte Mike Newton, als er sich auf seinem Stuhl umdrehte und die Mädchen hereinkommen sah. Doch von der Stelle, wo Bella Swan stand, immer noch nichts. Es ärgerte und nervte mich, dass dort, wo ihre Gedanken sein sollten, nichts als Leere war. Jetzt kam sie näher und ging an meinem Tisch vorbei zum Lehrerpult. Armes Mädchen, der einzige freie Platz war der neben mir. Automatisch räumte ich ihre Hälfte des Tisches frei und schob meine Bücher zu einem Stapel zusammen. Ich bezweifelte, dass sie sich hier besonders wohl fühlen würden. Sie hatte ein langes Halbjahr vor sich – jedenfalls in diesem Kurs. Aber vielleicht würde es mir, wenn ich neben ihr saß, ja gelingen, ihre Geheimnisse aufzuspüren…Nicht dass ich dafür normalerweise große Nähe brauchte… und nicht dass ich irgendetwas zu hören bekommen würde, wofür es sich lohnte… Bella Swan trat in den Strom warmer Luft, die aus dem Lüftungsschacht zu mir geblasen wurde. Ihr Geruch trat mich wie eine Abrissbirne, wie ein Rammbock, kein Bild könnte die Gewalt dessen beschreiben, was in diesem Augenblick mit mir geschah. Plötzlich hatte ich nichts mehr mit dem Menschen gemein, der ich einmal gewesen war, von der Menschlichkeit, in die ich mich mühsam gekleidet hatte, blieb keine Spur übrig. Ich war ein Raubtier und sie war meine Beute. Nur noch diese Wahrheit gab es auf der Welt, sonst nichts. Es kam keinen Raum voller Zeugen – sie waren in meiner Vorstellung schon Kollateralschaden. Vergessen war das Geheimnis von Bella Swans Gedanken. Ihre Gedanken waren bedeutungslos, denn wie würde sie nicht mehr viel länger denken. Ich war ein Vampir, und sie hatte das süßeste Blut, das ich in den letzten achtzig Jahren gebrochen hatte. Ich hatte es nie für möglich gehalten, dass es einen solchen Duft geben könnte. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich schon vor langer Zeit danach auf die Suche gemacht. Ich hätte die ganze Erde nach ihr durchkämmt. Ich konnte mir den Geschmack vorstellen… Wie Feuer brannte mir der Durst in der Kehle. Mein Mund war ausgetrocknet und klebrig. Das Einschießen des Gifts half nicht, dieses Gefühl zu vertreiben. Als Antwort auf den Durst krampfte sich mein Magen vor Hunger zusammen. Meine Muskeln spannten sich zum Sprung. Nicht einmal eine Sekunde war vergangen. Sie war noch mitten in dem Schritt, der mir ihren Duft entgegengeweht hatte. Als ihr Fuß den Boden berührte, schaute sie verstohlen, wie sie meinte, zu mir rüber. Ihr Blick trat meinen, und ich sah mich in ihren großen Augen gespiegelt. Der Schreck in dem Gesicht, das ich darin sah – mein Gesicht -, rettete ihr für ein paar qualvolle Augenblicke dann das Leben. Sie machte es mir nicht leichter. Als sie meinen Gesichtsausdruck registrierte, schoss ihr wieder das Blut in die Wangen und färbte ihre Haut in der köstlichsten Farbe, die ich je gesehen hatte. Ihr Duft hing wie ein dicker Nebel in meinem Gehirn, durch den ich kaum denken konnte. Meine Gedanken rasten, waren unzusammenhängend, entzogen sich meiner Gewalt. Sie ging jetzt schneller, als hätte sie begriffen, dass sie fliehen musste. Vor lauter Eile wurde sie ungeschickt – sie stolperte, wankte und fiel dabei fast auf das Mädchen vor mir. Schwach und verwundbar. Sogar noch mehr als gewöhnliche Menschen. Ich versuchte mich auf das Gesicht zu konzentrieren, das ich in ihren Augen gesehen hatte, ein Gesicht, das ich mit Abscheu erkannte. Das Gesicht des Monsters in mir - das Gesicht, gegen das ich in Jahrzehnten der Anstrengung und kompromisslosen Disziplin angekämpft hatte. Wie mühelos es jetzt zu Tage trat! Ihr Duft umschwirrte mich wieder, verwirrte meine Gedanken und schleuderte mich fast aus dem Stuhl. Nein. Ich fasste mit einer Hand unter die Tischkante und versuchte mich auf dem Stuhl zu halten. Das Holz war dem nicht gewachsen. Die Strebe brach und ich hatte die Hand voll bröseliger Splitter. Im verbliebenen Holz zeichneten sich meine Finger ab. Spuren verwischen. Das war eine Grundregel. Schnell zerrieb ich mit den Fingerspitzen die Umrisse des Abdruckes und hinterließ nur ein ungleichmäßiges Loch und ein Häufchen Sägespäne auf dem Fußboden. Ich verteilte sie mit dem Fuß. Spuren verwischen. Kollateralschaden… Ich wusste, was jetzt geschehen musste. Das Mädchen würde sich neben mich setzen und ich musste es töten. Die unschuldigen Zuschauer im Klassenzimmer, achtzehn weitere junge Menschen und ein Mann, durften den Raum nicht verlassen, wenn sie das mir angesehen hatten, was sie gleich sehen würden. Beim Gedanken an das, was ich tun musste, zuckte ich zusammen. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten hatte ich nie so eine Gräueltat begangen. Ich hatte noch nie Unschuldige getötet, in mehr als acht Jahrzehnten nicht. Und jetzt plante ich zwanzig auf einen Streich abzuschlachten. Das Gesicht des Monsters in meinen Gedanken verhöhnte mich. Auch wenn ein Teil von mir vor dem Monster erschauerte, ein anderer Teil plante die Tat. Wenn ich das Mädchen als Erstes tötete, hätte ich nur fünfzehn oder zwanzig Sekunden mit ihr, bevor die anderen reagieren würden. Vielleicht ein wenig länger, falls sie nicht gleich merkten, was ich tat. Ihr würde keine Zeit bleiben zu schreien oder Schmerz zu empfinden, ich würde sie nicht brutal ermorden. So viel konnte ich für diese Fremde mit dem furchtbar begehrenswerten Blut tun. Doch dann musste ich die anderen an der Flucht hindern. Wegen der Fenster brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, zu hoch und zu klein für eine Flucht. Blieb also nur die Tür - wenn ich die versperrte, saßen sie in der Falle. Wenn sie in Panik gerieten und wild durcheinander rannten, würde es schwieriger und langwieriger sein, sie alle zu überwältigen. Nicht unmöglich, aber es würde viel Lärm machen. Zeit für jede Menge Geschrei. Irgendjemand würde etwas hören…und dann wäre ich gezwungen, in dieser schwarzen Stunde noch mehr Unschuldige zu töten. Ihr Duft war eine Strafe, er verschloss mir die trockene, schmerzende Kehle… Und während ich die anderen tötete, würde ihr Blut kalt werden. Also erst die Zeugen. Ich plante die Sache ganz genau. Ich befand mich mitten im Raum, die hinterste Reihe im Rücken. Zuerst würde ich mir die rechte Seite vornehmen. Ich schätzte, das ich pro Sekunde in vier oder fünf Hälse beißen konnte. Das würde keinen Lärm machen. Die rechte Seite war die bessere, sie würden mich nicht kommen sehen. Dann vorn herum zur linken Seite – ich würde höchstens fünf Sekunden brauchen, um jedes Leben in diesem Klassenzimmer auszulöschen. Doch immerhin so lange, ds Bella Swan für einen kurzen Moment sehen konnte, was auf sie zukam. So lange, dass sie Angst bekommen konnte. Vielleicht so lange, dass sie, wenn sie vor Schreck nicht erstarrte, losschreien würde. Ein Schrei, so sanft, dass niemand zu Hilfe kommen würde. Ich atmete tief ein, und ihr Duft war ein Feuer, das durch meine seit langem leeren Adern raste, in meiner Brust brannte und alle besseren Regungen zerstörte, deren ich fähig war. Jetzt drehte sie sich um. In ein paar Sekunden würde sie sich neben mich setzen, nur einige Zentimeter entfernt. Das Monster in meinem Kopf lächelte voller Vorfreude. Links neben mir klappte jemand eine Mappe zu. Ich schaute nicht nach, wer von den Verdammten es war. Doch die Bewegung wehte mir einen Strom gewöhnlicher, neutraler Luft ins Gesicht. Eine kurze Sekunde lang war ich in der Lage klar zu denken. In dieser wertvollen Sekunde sah ich zwei Gesichter nebeneinander in meinem Kopf. Das eine war meins oder, viel eher, war einmal meins gewesen: das rotäugige Monster, das so viele Menschen umgebracht hatte, dass ich nicht mehr mitgezählt hatte. Es waren Morde, die ich begründen und rechtfertigen konnte. Ich war ein Mörder von Mördern, ein Mörder anderer, schwächerer Monster. Ich schwang mich zu einer Art Gott auf, das musste ich zugeben – bestimmte darüber, wer die Todesstrafe verdiente. Es war ein Kompromiss, den ich mit mir selbst geschlossen hatte. Ich hatte mich von menschlichen Blut ernährt, doch nur, wenn man den Begriff sehr weit fasste. Meine Opfer mit ihren jeweiligen finsteren Taten waren kaum menschlicher als ich. Das andere Gesicht gehörte Carlisle. Zwischen den beiden Gesichtern gab es keinerlei Ähnlichkeit. Sie waren helllichter Tag und schwärzeste Nacht. Es gab auch keinen Grund für irgendwelche Ähnlichkeiten. Carlisle war nicht mein Vater im biologischen Sinn. Unsere Gesichtszüge glichen sich nicht. Die Ähnlichkeit unserer Hautfarbe rührte nur daher, dass wir dasselbe waren, alle Vampire hatten die gleiche eisbleiche Haut. Mit der Augenfarbe war es etwas anderes – die war Folge einer gemeinsamen Entscheidung. Und doch, obwohl es keinen Grund für eine Ähnlichkeit gab, hatte ich mir eingebildet, mein Gesicht hätte in den über siebzig Jahren, in denen ich Carlisles Entscheidung gefolgt und in seine Fußstapfen getreten war, bis zu einem gewissen Grad angefangen seines zu spiegeln. Meine Züge hatten sich nicht verändert, doch mir schien es, als zeichne sich etwas von seiner Weisheit in meinem Gesichtsausdruck ab, als könne man sein Mitgefühl an der Form meines Mundes erkennen und Spuren seiner Geduld auf meiner Stirn. All diese kleinen Verbesserungen waren im Gesicht des Monsters verloren gegangen, in wenigen Augenblicken würde nichts mehr von den Jahren zu erkennen sein, die ich mit meinem Schöpfer, meinem Mentor, meinem Vater in jeder wesentlichen Bedeutung des Wortes verbracht hatte. Meine Augen würden rot glühen wie die des Teufels, jede Ähnlichkeit wäre für immer dahin. Carlisles freundliche Augen in meinem Kopf verurteilten mich nicht. Ich wusste, dass er mir diese Gräueltat verzeihen würde. Weil er mich liebte. Weil er mich für besser hielt, als ich war. Und er würde mich immer noch lieben, auch wenn ich ihn jetzt Lügen strafte. Bella Swan setzte sich mit steifen, ungeschickten Bewegungen auf den Platz neben mir –hatte sie Angst? – und der Geruch ihres Bluts entfaltete sich in einer erbarmungslosen Wolke um mich herum. Mein Vater würde sehen, dass er sich in mir getäuscht hatte. Diese Tatsache schmerzte fast so sehr wie das Feuer in meiner Kehle. Angewidert drehte ich mich von ihr weg – voller Abscheu vor dem Monster, das sich danach verzehrte, sie zu packen. Warum musste sie hierher kommen? Warum musste es die geben? Warum musste sie das bisschen Frieden zerstören, das ich in diesem Nicht – Leben hatte? Warum war dieser lästige Mensch überhaupt geboren? Sie war mein Untergang. Ich wandte das Gesicht von ihr ab, als mich plötzlich heftiger, blinder Hass durchfuhr. Wer war dieses Wesen überhaupt? Warum ich, warum jetzt? Warum musste ich alles verlieren, nur weil sie wich zufällig überlegt hatte, in diesem Kaff aufzutauchen? Warum war sie hierher gekommen?! Ich wollte kein Monster sein! Ich wollte nicht all die harmlosen jungen Leute um Raum töten! Ich wollte nicht alles verlieren, was ich mir in meinem Leben voller Entsagung und Selbstverleugnung aufgebaut hatte! Das durfte nicht geschehen. Sie würde mich nicht dazu bringen. Der Geruch war das Problem, der grauenhaft verlockende Geruch ihres Blutes. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe zu widerstehen … wenn mir nur ein frischer Wind den Kopf durchpusten würde. Bella Swan warf ihr langes. Dickes mahagoniefarbenes Haar in meine Richtung. War sie verrückt? Das war ja, als wollte sie das Monster ermutigen! Es verspotten. Es kam keine freundliche Brise, die den Geruch fortgeweht hätte. Bald war alles verloren! Nein, es kam keine hilfreiche Brise. Aber ich musste ja nicht atmen. Ich hielt die Luft in meinen Lungen an; die Erleichterung war sofort zu spüren, doch sie war nicht vollkommen. Ich hatte immer noch die Erinnerung an den Geruch im Kopf und den Geschmack hinten auf der Zunge. Selbst auf diese Weise würde ich nicht lange widerstehen können. Eine Stunde vielleicht. Eine Stunde. Lange genug, um diesen Raum voller Opfer zu entkommen, Opfer, die vielleicht keine Opfer sein mussten. Wenn ich eine kleine Stunde widerstehen konnte. Es war ein unangenehmes Gefühl, nicht zu atmen. Mein Körper brauchte keinen Sauerstoff, doch es lief meinen Instinkten zuwider. In Stresssituationen verließ ich mich mehr auf meinen Geruchssinn als auf die anderen Sinne. Er leitete mich bei der Jagd, er warnte mich bei Gefahr. Mir begegnete nicht oft etwas, das so gefährlich war wie ich, aber der Selbsterhaltungstrieb war bei meinesgleichen ebenso stark wie bei normalen Menschen. Es war unangenehm, aber auszuhalten. Jedenfalls erträglicher, als sie zu riechen und nicht die Zähne in diese zarte, dünne, durchsichtige Haut und das heiße, strömende, pulsierende… Eine Stunde! Nur eine Stunde. Ich durfte nicht an den Geruch denken, nicht an den Geschmack. Das stille Mädchen beugte sich vor, so das sich ihre Haare über ihre Mappe ausbreiteten. Ich konnte ihre Gesicht nicht sehen, konnte nicht versuchen, die Gefühle in ihren klaren, tiefen Augen zu lesen. Hatte sie deshalb ihre Haarpracht zwischen uns ausgebreitet? Um diese Augen vor mir zu verbergen? Aus Angst? Aus Schüchternheit? Um ihre Geheimnisse vor mir zu verstecken? Mein anfänglicher Ärger darüber, von ihren lautlosen Gedanken ausgeschlossen zu sein, verblasste angesichts des Verlangend und des Hasses, die mich jetzt beherrschten. Denn ich hasste diese zerbrechliche Kindfrau, hasste sie mit der ganzen Inbrunst, mit der ich mich an mein altes Ich klammerte, an die Liebe zu meiner Familie, an meine Träume, ein Besserer zu sein, als ich war… Sie zu hassen, das zu hassen, was sie in mir auslöste – das half ein wenig, der anfängliche Ärger war schwach gewesen, aber auch er half ein wenig. Ich klammerte mich an jedes Gefühl, das mich von der Vorstellung ablenkte, wie sie schmecken würde… Hass und Ärger. Ungeduld. Ging diese Stunde denn nie vorbei? Und wenn die Stunde vorbei war … dann würde sie aus dem Klassenzimmer gehen. Und was würde ich tun? Ich könnte mich vorstellen. >>hallo ich bin Edward Cullen. Darf ich dich zu deinem nächsten Kurs begleiten?<<…Sie würde ja sagen. Das wäre die normale, höfliche Reaktion. Auch wenn sie bereits Angst vor mir hatte, was ich vermutete, würde sie der Konvention folgen und mitkommen. Es dürfte ein Leichtes sein, sie in die Irre zu führen. Ein Zipfel des Waldes ragte wie ein Finger bis an den Parkplatz heran. Ich könnte sagen, ich hätte ein Buch im Auto vergessen … Würde sich jemand daran erinnern, dass ich der Letzte war, mit dem sie gesehen wurde? Es regnete, wie üblich; zwei dunkle Regenjacken, die sich in die falsche Richtung bewegten, würden kein allzu großes Aufsehen erregen, sie würden mich nicht verraten. Nur das ich heute nicht der Einzige war, der sich für Bella Swan interessierte – wenn auch brennender als alle anderen. Vor allem Mike Newton entging keine ihre Bewegungen, als sie auf ihrem Stuhl herumrutschte – fühlte sich unbehaglich in meiner Nähe, wie es jedem gehen würde und wie ich es schon geahnt hatte, bevor ihr Geruch jedes freundliche Mitgefühl zerstörte. Mike Newton würde es auffallen, wenn sie den Raum mit mir verließ. Wenn ich es eine Stunde aushielt, schaffte ich es dann auch zwei? Der brennende Schmerz ließ mich zusammenzucken. Nach der Schule würde sie in ein leeres Haus zurückgehen. Polizeichef Swan arbeitete den ganzen Tag. Ich kannte sein Haus, wie ich jedes Haus in dieser winzigen Stadt kannte. Es schmiegte sich an den dichten Wals, direkte Nachbarn gab es keine. Selbst wenn sie Zeit hätte zu schreien, was ausgeschlossen war, würde niemand sie hören. Ja, so konnte ich die Sache auf verantwortungsvolle Art angehen. Sieben Jahrzehnte hatte ich ohne Menschenblut überstanden. Wenn ich den Atem anhielt, konnte ich zwei Stunden durchhalten. Und wenn ich mit ihr allein war, bestand kein Risiko, dass jemand anders zu Schaden kam. Und es gibt dann auch keinen Grund, die Sache überstürzt zum Abschluss zu bringen, stimmte das Monster in meinem Kopf zu. Es war schon eine ziemlich spitzenfindige Überlegung, dass ich kein ganz so schlimmes Monster wäre, wenn ich dieses unschuldige Mädchen tötete und dafür die neunzehn Übrigen im Raum durch meine Geduld und Selbstbeherrschung rettete. Ich hasste das Mädchen und wusste gleichzeitig, dass mein Hass nicht gerechtfertigt war. Ich wusste, dass der Hass in Wirklichkeit mir selbst galt. Und wenn sie tot war, würde ich uns beide noch mehr hassen. Auf diese Weise überstand ich die Stunde – ich malte mir aus, wie ich sie am besten umbringen könnte. Die Tat an sich versuchte ich mir möglichst nicht vorzustellen. Das wäre womöglich zu viel für mich gewesen, ich hätte den Kampf vielleicht verloren und alle um mich herum getötet. Ich plante also das Vorgehen, mehr nicht. Das brachte mich durch die Stunde. Einmal, ganz am Ende, spähte sie durch die fließende Wand ihres Haars zu mir herüber. Als unsere Blicke sich trafen, spürte ich, wie ich den ungerechten Hass versprühte - ich sah ihn in ihren verschreckten Augen gespiegelt. Blut stieg ihr in die Wangen, ehe sie sich wieder hinter ihrem Haar verschanzte, und das richtete mich beinahe zu Grunde. Doch dann klingelte es. Das erlösende Klingeln – wie abgedroschen. Wir waren beide erlöst. Sie vom Td, ich wenigstens für kurze Zeit davon, jenes albtraumhafte Wesen zu sein, das ich fürchtete und verabscheute. Als ich aus dem Klassenzimmer floh, konnte ich nicht so langsam gehen, wie es geboten gewesen wäre. Hätte mich jemand dabei gesehen, wäre er vielleicht auf die Idee gekommen, dass mit meiner Art der Fortbewegung etwas nicht stimmte. Doch niemand beachtete mich. Die Gedanken aller kreisten immer noch um das Mädchen, das dazu verdammt war, in kaum mehr als einer Stunde zu sterben. Ich versteckte mich in meinem Wagen. Der Gedanke, dass ich mich verstecken musste, gefiel mir nicht. Wie feige das klang. Doch jetzt entsprach es zweifellos den Tatsachen. Ich brachte nicht mehr genug Disziplin auf, um mich unter Menschen aufzuhalten. Nachdem ich so sehr mit mir gerungen hatte, um die eine nicht zu töten, blieb mir keine Kraft mehr, den anderen zu widerstehen. Welch eine Verschwendung. Wenn ich dem Monster schon nachgeben musste, sollte es die Niederlage wenigstens wert sein. Ich legte eine CD ein, die mich normalerweise beruhigte, doch hier und jetzt half sie kaum. Nein, was jetzt half, war die kühle, nasse, saubere Luft, die zusammen mit dem leichten Regen durch die heruntergelassenen Scheiben hereinkam. Zwar konnte ich mich an den Geruch von Bella Swans Blut noch haargenau erinnern, doch als ich die frische Luft einatmete, war es, als würde ich damit das Gift aus dem Inneren meines Körpers waschen. Ich war wieder zurechnugsfähig. Ich konnte wieder denken. Und ich konnte wieder kämpfen. Ich konnte gegen das ankämpfen, was ich nicht sein wollte. Ich musste nicht zu ihr nach Hause fahren. Ich musste sie nicht umbringen. Offensichtlich war ich ein vernunftbegabtes, denkendes Wesen, und ich hatte eine Wahl. Man hatte immer eine Wahl. Im Klassenzimmer hatte ich anders empfunden … aber jetzt war ich fort von ihr. Vielleicht musste ich mein Leben doch nicht ändern, wenn ich alles daransetzte, ihr aus dem Weg zu gehen. Ich hatte mein Leben so geregelt, wie es mir gefiel. Warum sollte ich mir das von einem lästigen Niemand zerstören lassen – so köstlich dieser Niemand auch war?! Ich musste meinen Vater nicht unbedingt enttäuschen. Ich musste meiner Mutter nicht Aufregung, Sorge und Schmerz bereiten. Ja, auch meiner Adoptivmutter würde ich damit weh tun. Esme war so gütig, so liebevoll und sanft. Jemanden wie Esme Leid zuzufügen, wäre wirklich unverzeihlich. Welch eine Ironie, dass ich dieses Menschenkind vor der armseligen, zahnlosen Bedrohung von Jessica Stanleys hinterhältiger Gedanken hatte schützen wollen. Ich war der Letzte, der einen Beschützer für Isabella Swan abgeben konnte. Vor nichts und niemanden musste man sie so beschützen wie vor mir. Wo war Alice eigentlich die ganze Zeit?, fragte ich mich plötzlich. Hatte sie nicht gesehen, wie ich das Swan – Mädchen auf vielfache Weise ermordet hatte? Warum war sie nicht zu Hilfe gekommen – um mich aufzuhalten oder um mir beim Verwischen der Spuren zu helfen, was auch immer? Hatte sie die ganze Zeit aufgepasst, dass Jasper nicht auf Abwege geriet, und war ihr dadurch diese viel schrecklichere Gefahr entgangen? Oder war ich stärker, als ich dachte? Hätte ich dem Mädchen in Wirklichkeit gar nichts angetan? Nein, ich wusste es besser. Alice konzentrierte sich offenbar ganz fest auf Jasper. Ich suchte in der Richtung, in der sie sich aufhalten musste, in dem kleinen Gebäude, wo die Englischkurse stattfanden. Es dauerte nicht lange, bis ich ihre vertraute ‘‘Stimme“ ausfindig gemacht hatte. Und ich hatte Recht. All ihre Gedanken galten Jasper, sie folgte ihm auf Schritt und Tritt. Ich hätte sie so gern um Rat gefragt, doch gleichzeitig war ich froh, dass sie nicht wusste, wozu ich fähig war. Dass ich nichts von dem Blutbad ahnte, das ich während der vergangenen Stunde geplant hatte. Jetzt spürte ich ein neues Brennen im Körper – brennenden Scham. Ich wollte nicht, dass meine Familie davon erfuhr. Wenn ich Bella Swan aus dem Weg gehen konnte, wenn ich es schaffte, sie nicht zu töten – als ich das nur dachte, wand sich das Monster vor Enttäuschung und knirschte mit den Zähnen -, dann brauchte auch niemand davon zu erfahren. Wenn ich mich nur von ihrem Duft fern halten konnte … Nichts sprach dagegen, es wenigstens zu versuchen. Eine richtige Entscheidung zu treffen und zu versuchen, das zu sein, wofür Carlisle mich hielt. Die letzte Schulstunde war fast vorüber. Ich beschloss, meinen neuen Plan sofort in die Tat umzusetzen. Das war besser als hier auf dem Parkplatz herumzusitzen, wo sie jederzeit vorbeikommen und meine Bemühungen zunichte machen konnte. Wieder empfand ich Hass für das Mädchen, obwohl es nichts dafür konnte. Ich hasste sie dafür, dass sie, ohne es zu wissen, eine solche Macht über mich hatte. Dass sie mich in etwas verwandeln konnte, das ich verabscheute. Ich ging eilig – etwas zu eilig. Doch es gab keine Zeugen – über die kleine Rasenfläche ins Sekretariat. Es gab keinen Grund, weshalb sich meine Wege mit denen von Bella Swan kreuzen sollten. Ich würde sie meiden wie die Pest – denn das war sie.

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