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[Kein Thema]Sonntag 05.04.2009 04:58 PM

Wie jedes Jahr bezog er auf einem der Hochhäuser der Stadt seine Stellung und beobachtete die Menschen, die sich unten auf den Straßen tummelten wie winzig kleine, hilflose Ameisen.
Und wie jedes Jahr stellte er fest, dass die Erfahrung sie wieder nichts gelehrt hatte. Sie waren immer noch genauso unvorsichtig, ließen sich immer noch von der lauen Frühlingsluft einlullen und dachten nicht an den Schützen, der hier jedes Jahr zur gleichen Zeit seine Opfer suchte und, hatte er erst einmal ein passendes gefunden, gnadenlos zuschlug.
Abwertend beobachtete er sie, diese kleinen wertlosen Wesen, die er eines nach dem anderen anvisieren und treffen würde. Seine Mission war klar, doch nur er hatte ihr wahres Ziel erkannt.
Über Jahrhunderte hinweg hatte er gedacht, er würde ihnen ein wunderbares Geschenk machen und sich gut gefühlt dabei, doch er hatte herausgefunden, dass die Menschen mit dieser Art Geschenke nichts mehr anfangen konnten. Sie schätzten seine Gabe nicht, nein, sie ließen sie verkommen, vergehen, nutzten sie als Waffe und zerstörten damit, sich und andere. Lange Zeit hatte er nicht verstanden weshalb sie unfähig waren wertzuschätzen was er ihnen gab, doch irgendwann, nach schier endlosen Beobachtungen, war ihm klar geworden, was sich verändert hatte. Mit Dingen, die nicht gegenständlich waren, die sie nicht anfassen und mit ihren kleinen gierigen Finger greifen konnten, konnten die Menschen nichts mehr anfangen. Einzig und allein der materielle Wert zählte für sie und den konnten sie in seinen Geschenken nicht finden.
Er sah sie an, wie sie hastig herumliefen, von einem Ort zum anderen und nichts im Kopf hatten, als den nächsten Geschäftstermin, auf den dann vielleicht endlich der große Coup folgen würde.
Doch sie waren nicht so arglos, wie sie aussahen, das wusste er. Sie spürten, dass etwas in der Luft lag. Eine gewisse Anspannung herrschte über der Stadt. Sie benahmen sich anders als sonst, steckten immer wieder ihre Nasen in die klare Frühlingsluft, als wären sie Tiere, bereit die Gefahr und ihre Quelle zu wittern.
Doch sie waren trotzdem noch unfähig, unfähiger als die Tiere sogar und sie ahnten nicht, wer sich da hoch über ihnen befand und bald einen Großteil von ihnen anfallen würde.
Er war eine Epidemie, eine Seuche, gekommen um krankzumachen, zu verletzen und zu zerstören.

Er betrachtete sie weiter und suchte, ruhig, gelassen. Er folgte anderen Maßstäben, als diese Menschen, er hatte Zeit. Tage, Wochen, Jahre, wenn er wollte. Er beobachtete und wartete und beobachtete und irgendwann zog sich ein Grinsen über sein Gesicht. Endlich hatte er das richtige Opfer gefunden.
Ein junges Mädchen, sechzehn, siebzehn Jahre vielleicht. Sie trug ein Kleid, eigentlich noch viel zu kalt für diese Jahreszeit, doch auch sie hatte sich von dem strahlend blauen Himmel etwas vorgaukeln lassen.
Schade für dich Kleines, dachte er, während er mit ruhiger Hand einen Pfeil aus seinem Köcher zog, ich will dir nicht wehtun, wirklich nicht, das hier ist deine eigene Schuld. Aber keine Angst, dachte er weiter, als er seine Armbrust lud und spannte, am Anfang tut es gar nicht weh, im Gegenteil. Du wirst zuerst in Euphorie schweben und dich wie in Watte gebettet fühlen. Alles um dich wird leicht, weich und warm. Doch irgendwann wird dieser Traum aufhören, Kleines und du wirst weinen, bitterlich weinen. Der Riss, den ich in dein Herz geschlagen habe, wird dir grauenhafte Schmerzen zufügen. Und dann wirst du genauso abgestumpft und halbtot, wie all die anderen um dich herum. Wenn du es nicht sogar schon bist. Allerdings… Er legte seinen Kopf schräg und musterte sie noch einmal sorgfältig.
Vielleicht bist du auch eine der wenigen, denen ich etwas Gutes tue. Vielleicht wirst du mein Licht in deinem Herzen behalten und mit ihm einen Teil dieser grauen Welt erhellen., überlegte er, Vielleicht wirst du meinen Namen im Herzen tragen.
Er visierte sie an und schoss.
Wenige Augenblicke später bohrte sich sein Pfeil in ihre Brust und etwas trauriges und erschöpftes lag in seinem Blick.

Ich bin Amor, Kleines, war sein letzter Gedanke, als er sich aufschwang, um das nächste Opfer zu suchen,
und gekommen, euch die Liebe zu schenken.

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